Drei Tage ist in Starnberg die Ideenwerkstatt im Foyer der Schlossberghalle und an verschiedensten Stellen der Stadt tätig gewesen. Rund 1500 Ideen zu positiven Veränderungen haben die Bürger, die sich beteiligt haben, eingebracht. In der Abschlussveranstaltung am Donnerstag, dem 9. März, gab das von Bürgermeisterin Eva John beauftragte Büro „Nonconform“ aus Österreich vor etwa 80 Besuchern ein Resümee und eine erste Analyse (siehe demnächst auch auf der Homepage der Stadt Starnberg). Empfohlen wurde ein Stufenplan, und ein Rat wiederholte sich, den Experten von außen der Stadt schon mehrfach gegeben haben: „Warten Sie nicht auf die großen Lösungen. Beginnen Sie jetzt.“ „Am besten gleich am Montag“, hieß das für John.

Sie war begeistert vom Interesse sowie Engagement der Starnberger und deren Kreativität: „Wir haben da ganz viel aktive und positive Energie gespürt.“ Die Mitarbeiter von Nonconform zogen gleich zu Beginn ein über allem stehendes Fazit: „Es war fast einhellige Meinung der an der Ideenwerkstatt Beteiligten, dass es in Starnberg in Sachen Umgang miteinander wirklich Luft nach oben gibt.“ Sprich, der seit Jahrzehnten zwischen Bürgerinitiativen, Bürgergruppen und politischen Gruppierungen geführte Kampf um Tunnel oder Umfahrung, beziehungsweise Seeanbindung ja oder nein, hatte Folgen. Ein vielfacher  Wunsch deshalb: „Mehr zusammen, weniger getrennt, sich mehr wertschätzen, eine neue Gesprächs- und Arbeitskultur finden.“

Bei der Ideensammlung stand die Frage im Vordergrund: „Wie wird unsere Innenstadt zum Star?“ Die vorhandenen  Schätze waren schnell benannt: die tollen Aussichten, die Oase Starnberger See, der Schlossgarten und die historischen Bauten. Bei den Herausforderungen, die es anzupacken gilt, dominierten die Bahnunterführungen am See, der Seespitz, die Parkplätze sowie das Umfeld des Seebahnhofs allgemein. Roland Gruber sowie Anne Krämer von Nonconform und ihre Kollegen stellten Strategien vor, wie man Barrieren überwinden, Plätze verbessern sowie den Bereich rund um den Bahnhof und die Seepromenade aufwerten könnte. Sie empfahlen sich Ziele zu setzen. Bis 2020 sollte das Rathaus für jedermann, also auch für in ihrer Mobilität eingeschränkte Bürger, erreichbar sein, bis 2025 das Schloss. Kühne Idee: Mit einer Seil- oder Standseilbahn. Über einen Ortsentwicklungs- oder Gestaltungsbeirat könnte die Stadt Kompetenz von außen zuziehen, sich außerdem in anderen Städten umschauen, wie die es gemacht hätten.

Für die wegen des hohen Verkehrsaufkommens als Barriere empfundene Hauptstraße gab es die Empfehlung, diese nach dem Bau des B2-Tunnels zurückzubauen, den Platz vor dem Alten Rathaus (Bücherei) zum Bindeglied zwischen oberem und unteren Teil der Stadt zu machen. Aus dem Kirchplatz könnte ein ständiger Marktplatz werden. Auf jeden Fall sollte die Pflasterung des Platzes, wie in der Ursprungsplanung damals auch vorgesehen, über die Wittelsbacherstraße bis an die Gebäudekante auf der Ostseite der Straße gezogen werden. Sitzgelegenheiten, ein Sonnensegel zur Beschattung einer gewissen Fläche und Grüninseln könnten helfen, den Kirchplatz zu allererst für diejenigen angenehm zu machen, die ihn fast täglich nutzen. Erst danach sollte darüber nachgedacht werden, wie er auch für besondere Veranstaltungen beschaffen sein sollte.

Dringenden Optimierungsbedarf hat Nonconform beim Angebot an Radfahrer ausgemacht. Es sei kein Wunder, dass diese in Starnberg mehr als anderswo auf dem Gehweg fahren. Mit Hilfe eine Konzeptes für ein Zielnetz, mit mehr Abstellflächen, Radservicestationen und eventuell einer Fahrradausleihstation ließe sich schon viel verbessern. Wo kein Radwege-Neubau möglich sei, helfe oft das Anbringen von Bodenmarkierungen. Der Bahnhof See sollte Drehscheibe werden zum Umsteigen zwischen allen Verkehrsmittelarten. Mit dem MVV könne man über Kombitickets reden – Bahn und Fahrradausleihe oder Bahn und Kombination mit verschiedenen Events. Mehr Platz in der Stadt schaffe  unter Umständen ein Parkraummanagement. Das Angebot an Stellplätze an der Oberfläche sollte reduziert werden. Das Parken in den vorhandenen Tiefgaragen ließe sich zum Beispiel durch einen finanziellen Ausgleich von der Stadt an die privaten Eigentümer billiger machen. So gebe es Anreiz, die unterirdischen Stellplätze mehr zu nutzen.

Was den Bahnhof See angeht, war Wunsch der Bürger ein Frühjahrsputz: Mit kritischem Auge die schönsten Lagen betrachten und feststellen, was alles  den Blick beeinträchtigt. Zum Beispiel die Müllinsel direkt vor dem Eingang zum Wartesaal für die allerhöchsten Herrschaften im denkmalgeschützten Bahnhof, der noch mehr als bisher als Kulturbahnhof genutzt werden sollte. Zwischen dem Gebäude und dem Eingang zur Maximilianstraße könnten sich die Mitarbeiter von Nonconform einen „anderen Stadtraum“ vorstellen: Unter Einbeziehung der Arkaden des Bahnhofs sei so ein Platz möglich, für den Kulturschaffende einen Festivalzyklus zunächst für ein Jahr entwickeln könnten. So lasse sich auch Raum für Jugendliche schaffen, die vielfach beklagt hatten, dass es für sie keine Treffpunkte gebe.

Am Seespitz sei eine erste Maßnahme mit großer Wirkung möglich, lautete ein weiterer Rat. Man solle mit der Bahn darüber verhandeln, die Flächen dort an die Stadt zu verkaufen. Die könne hier dann ihr „Wohnzimmer“ einrichten – die heruntergekommenen Gebäude abreißen, die Flächen schön pflastern, entlang einer bepflanzten Wand vor den Gleisen eine lange Bank aufstellen und die Aufteilung der Promenade zwischen Seespitz und Bahnhofsunterführung in zwei Ebenen aufheben. Besondere Attraktion wäre ein neuer großer Steg am Seespitz. „Das brächte mit relativ wenig Aufwand viele große Effekte für alle Gäste, die kommen, und für die Starnberger selbst“, hieß es. Die lange Bank – statt der heute vielen kleinen Sitzbänke an der Promenade – könne sich bis zur Bahnhofsunterführung und darüber hinaus fortsetzen.

Als „kleine Schritte jetzt“ wurden aufgelistet: ein neues Wegweisersystem,  an bestimmten Stellen in der Stadt Liegestühle anbieten, vor Geschäften Sitzbänke aufstellen, temporäre Aktivitäten im öffentlichen Raum ermöglichen, die Intervalle der Fußgängerampeln verkürzen,  ein Parkleitsystem aktivieren, unfreundlich formulierte Verbote durch freundlich ausgesprochene Gebote  ersetzen und Lieblingsplätze der Starnberger aufwerten. Ein Vierjähriger hat sich in der Ideenwerkstatt eine Rutsche am Schlossberg gewünscht. Dieser Wunsch sollte auch nicht auf die lange Bank geschoben werden. Und zum Schluss gab es noch einen Rat: „Schaffen Sie eine Möglichkeit, dass die so beliebte Lange Tafel im Sommer, bei der Besucher und Bürger abends gemeinsam im Freien essen, auch stattfinden kann, wenn es schlechtes Wetter ist.“