Entsprechend dem Stadtratsbeschluss aus 2016 sind Montagabend auch die beiden weiteren Projektideen für eine Seeanbindung den Räten vorgestellt worden. Zieht man ein vorsichtiges Resümee unter Einbeziehung des von Alexander Walther Ende letzten Jahres präsentierten Seetunnel-Projektes, so scheint einzig der Vorschlag des Bürgervereins „Schöner zum See (SzS)“ mit dem Motto „Erneuern und bewahren“ zumindest so viel Interesse geweckt zu haben, dass der Verein einige Daten nachliefern muss, damit die Räte dann besser urteilen können. Zu keinem der Projekte hat eine Abstimmung stattgefunden. Ansonsten wurden auch keine weiteren Anträge auf mehr Informationen oder eine tiefergehende Diskussion der doch sehr verschiedenen Lösungen gestellt. Wie berichtet ging es neben dem Seetunnel um den Kompakt-Bahntunnel von Lutz J. Janssen, die SzS-Lösung sowie auf Antrag von Martina Neubauer (Grüne) auch noch einmal um die unter Altbürgermeister Ferdinand Pfaffinger vom Arbeitskreis Seeanbindung ausgearbeitete Variante mit Gleisverlegung.

Hier eine Kurzvorstellung der Projekte:

Beim Seetunnel handelt es sich eigentlich um zwei Tunnel – einen für die Bahn und einen für die Straße. Letztgenannter sollte nach Walthers Willen den geplanten B2-Entlastungstunnel unter dem Schlossberg ersetzen. Der Seetunnel könnte aber auch nur für die Bahn gebaut werden, man verlöre damit aber Synergieeffekte. Die Lage des Seetunnels wäre im Starnberger See – quer durch die Nordbucht. Walther hat viele Vorschläge gemacht, wie die Innenstadt an den Tiefbahnhof angebunden werden könnte (siehe Seetunnel: “Totkalkuliert” ? und Empfehlungen? Fehlanzeige!)

Lutz J. Janssen hat die Bahn mit abgeflachten neuen Gleisradien in einen Kompakttunnel gelegt, der es ermöglicht, dass die Starnberger und ihre Gäste in einem großzügigen Bereich des Seeufers ebenerdig von der Stadt an den See gelangen können, denn oberirdisch gäbe es hier dann keine Gleisanlagen mehr. Kompakt ist sein Tunnel, weil die Bahn auf fester Fahrbahn statt auf einem Schotterbett führe und statt der aufwändigen Fahrdrahtkonstruktion der Strom von Schienen an der Decke des Tunnelbauwerks abgenommen würde. Das Projekt wird in den nächsten Tagen noch in einem eigenen Artikel des Blogs ausführlich erläutert.

„Erneuern und bewahren“ ist für SzS Programm. Es bedeutet, dass in diesem Fall die Gleisanlagen nicht in ihrer Lage oder in den Radien verändert werden. Hergerichtet werden sollen aber die Bahnsteige mit entsprechenden Dächern, unter Erhalt der historischen Guss-Säulen, und das gesamte Umfeld des Seebahnhofs, das barrierefrei zugänglich sein soll. Bewahrt werden muss dabei nach der Idee des Vereins der historisch belegte städtebauliche Entwurf rund um das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude. Entstehen soll somit wieder ein verkehrsberuhigter großzügiger Bahnhofsplatz zwischen Kaiser-Wilhelm-Straße und Hotel Bayerischer Hof. Auch dieses Projekt wird im Blog noch ausführlich dargestellt.

Unter Pfaffinger hatte sich der Stadtrat auf Folgendes verständigt. Einen Beschluss gab es aber vor seinem Ausscheiden aus dem Amt zur Verlegung des Regionalzughalts: Der sollte an den Bahnhof Nord verlegt werden. Am Seebahnhof würden sich die Gleisradien ändern, so dass die um 90 Zentimeter tiefer gelegten Gleise auf der Ostseite näher an die Stadt gerückt wären, auf der Westseite näher an den See. Man plante so Flächen für Grünzonen und neue Bebauung zu gewinnen. Letztere sollten wie auch andere städtische Immobilien vermarktet werden und helfen, das Projekt zu finanzieren. Die Unterführungen zum See würden großzügig aufgeweitet und barrierefrei, teilweise aber auch aufgegeben (siehe Geschichte der Seeanbindung) .

Nur die Pfaffinger- und die Janssen-Lösung basieren auf dem alten Vertrag zwischen Stadt und Deutsche Bahn AG aus 1987, der exakt die neuen Gleisradien vorgeschrieben hat und die von der Bahn an die Stadt zu übertragenden Grundstücke umreißt. Im Gegenzug müsste die Stadt jedoch die neuen Bahnanlagen allein finanzieren. Derzeit ist wie berichtet ein Schlichtungsverfahren zwischen den Vertragspartnern bei der IHK begonnen worden, das klären soll, wie es eventuell mit einer neuen Vereinbarung weiter gehen könnte. Denn der Seebahnhof wird immer maroder. Die Bahnsteigdächer fehlen und er ist einer der wenigen Bahnhöfe in Bayern, der immer noch auf die Herstellung der Barrierefreiheit wartet.

Bevor Janssen und SzS ihre Projekte dem Stadtrat vorstellen konnten, kam es noch einmal zum Schlagabtausch zwischen Neubauer und Bürgermeisterin Eva John. Neubauer bestand darauf, dass gemäß ihrem Antrag auch die Pfaffinger-Lösung nochmals ausführlich vorgestellt wird. John verwies darauf, dass dies bereits 2015 für alle jetzt im Amt befindlichen Stadträte ausführlichst geschehen sei. Außerdem habe der Stadtrat 2016 nach einer Projektanalyse mehrheitlich entschieden, dass diese Lösung finanziell nicht machbar sei, weil es eine Deckungslücke von 50 bis 83 Millionen Euro gebe. Auch habe der Stadtrat beschlossen, dass nur noch Alternativplanungen vorgestellt werden sollten. „Ich bin nicht einverstanden, wie unser Antrag erledigt wird“, monierte Neubauer. Die Pfaffinger-Variante müsse für die Schlichtung genauso zum Vergleich möglicher Lösungen herangezogen werden. John war stattdessen der Ansicht: „Die Finanzierbarkeit ist nicht gesichert. Daran ändert die Auseinandersetzung mit den Planunterlagen nichts.“ Es sei wichtiger, dass die Stadträte das kennenlernten, was sie noch nicht kennen. Neubauer gab daraufhin zu Protokoll: „Ich werde die Rechtsaufsicht informieren, dass mein Antrag noch nicht erledigt ist.“ Klaus Rieskamp (BLS) wies darauf hin, dass 2015 einige Stadträte und auch Zuschauer bei der Präsentation der Pfaffinger-Variante nicht anwesend gewesen seien. Außerdem dürfe die Bürgermeisterin einen Antrag nicht durch „eine materielle Vorprüfung wegdrücken“.

Franz Sengl (Grüne) vermisste, dass der Stadtrat eine gemeinsame Haltung für das Schlichtungsverfahren erarbeitet. „Schnellstmöglich“, verlangte Angelika Kammerl (DPF), und Otto Gaßner (UWG) interessierte sich dafür, „wie sich die Spitze der Verwaltung positioniert“. Laut John machen sich die Fraktionen aber bereits seit Ende 2017 Gedanken, was sie rund um den Seebahnhof mit der Bahn vereinbaren wollen. Im Schlichtungsverfahren laufe alles abgestimmt mit der Bahn, versicherte sie. Gerd Weger (CSU) beschwerte sich trotzdem: „Frau Bürgermeister, lassen Sie den Stadtrat nicht ständig außen vor.“