Für einen Teil der Starnberger ist der morgige Freitag, 20. Juli 2018, ein wahrer Festtag. Für einen anderen Teil der Bevölkerung wird er eher als sogenannter „schwarzer Tag“ in die Stadtgeschichte eingehen. Beide Seiten bereiten sich auf ihre Weise auf das Ereignis vor. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr haben gemeinsam „zum feierlichen Spatenstich für den Tunnel Starnberg“ eingeladen, ab 16 Uhr am Landratsamt, an dem an der Ecke zur Perchastraße hin in der Nacht zum Mittwoch bereits zehn Bäume gefällt und tags darauf deren Wurzelstöcke ausgebaggert worden sind. Die Bausstelleneinrichtung hat hinter dem Pilgrim-Mahnmal begonnen. Der Tunnel selbst wird erst in einigen Jahren begonnen und soll 2026 fertig sein. Zunächst geht es um die Anpassung der nördlichen Stadteinfahrt von Starnberg, die nun sichtbar in Angriff genommen wird.

Die Wetterprognose für morgen Nachmittag ist gut, allerdings soll es sehr heiß werden. Das könnte zu Doppeldeutungen führen, denn von der Entscheidung pro Tunnelbau enttäuschte Bürger haben dazu aufgerufen, sich schon um 15.30 Uhr am Bürgerpark zur „Anti-Tunnel-Demo“ zu treffen. Angekündigt worden war das am letzten Wochenende in dem von Willi Illguth herausgegebenen Blatt „Starnberger Wahrheit – Alles schwarz auf weiß zum B2-Staatstunnel“, das damit bereits zum zweiten Mal an alle Haushalt in der Stadt verteilt worden war. Außerdem hängen entlang der B2 an vier Stellen großformatige Banner mit der Aufschrift:“Wir wollen keinen Tunnel!!! Wir wollen keinen Spatenstich!!! Wir wollen als Bürger gehört werden.“ Auch die Banner werben um Unterstützung bei der Demo, die ihren Weg vom Bürgerpark Richtung Landratsamt nehmen wird, wo nach dem Willen der Veranstalter der Spatenstich gefeiert werden soll.

Das Ereignis ist vermutlich so spät erst angesetzt worden, weil zuvor noch die Finanzierung des Tunnelbaus abgesichert werden musste. Seit dem 5. Juli 2018 ist das Projekt Teil des diesjährigen Straßenbauplans – einer Anlage zum Gesetz über den Bundeshaushalt 2018. Es ist dort in der Liste der Maßnahmen am Bundesfernstraßennetz mit voraussichtlichen Gesamtausgaben von 193,7 Millionen Euro plus 6,24 Millionen Euro von Dritter Seite aufgenommen. Laut Straßenbauplan sind für das Projekt bis 2016 bereits 3,3 Millionen Euro verausgabt worden, 1,8 Millionen Euro seien 2017 bewilligt gewesen. Für heuer sind dort 9,6 Millionen Euro veranschlagt. Als „Vorbehalten für 2019 und Folgende“ wird ein Betrag von rund 179 Millionen Euro genannt. Ende 2017 war plötzlich die Meldung in Starnberg aufgetaucht, der Tunnel sei am 27. Dezember nun doch noch in den Haushalt des Jahres 2017 aufgenommen worden. Zu dem Zeitpunkt gab es jedoch wie berichtet (siehe Tunnel noch nicht im Bundeshaushalt und Ein denkwürdiger Tag) wegen der sich lange hinziehenden Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl im September 2017 weder eine Bundesregierung noch einen vom Parlament abgesegneten Haushalt für 2018, keinen Straßenbauplan 2017 oder 2018, der den Tunnel enthielt, und auch keinen Nachtragshaushalt für 2017, nur einen kommissarischen Bundesverkehrsminister der CSU. Im Entwurf für den Haushalt 2018 der Vorgängerregierung war das Tunnelprojekt bis dato nicht enthalten gewesen. Es tauchte erst im zweiten Regierungsentwurf im Mai dieses Jahres als „unterjährig aufgenommene Maßnahme“ auf und durchlief nach der geglückten Regierungsbildung im Frühjahr mit dem Haushaltsentwurf der neuen Bundesregierung das übliche Genehmigungsverfahren, das mit dem Parlamentsbeschluss am 5. Juli mit der Genehmigung des Haushaltes 2018 endete.

Im Vorfeld des Spatenstich-Ereignisses haben Tunnelgegner vielfältige Aktivitäten entwickelt. Ralf Breitenfeldt schrieb wie auch andere Bürger an die Bayerische Bau- und Verkehrsministerin Ilse Aigner, den Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer sowie den Bayerischen Innenminister Joachim Herrmann unter dem Titel „B2-Entlastungstunnel – nicht funktional?“ einen Brief, in dem er seiner Sorge Ausdruck gab, Starnberg werde gerade durch ein Jahrhundertbauwerk in einen mittelschweren Verkehrsinfarkt gesteuert. Ein Tunnel ohne Autobahnanschluss funktioniere in etwa so gut wie ein Rathaus ohne Fenster. Das habe Starnberg nicht verdient, sondern brauche vielmehr „den großen Wurf“. Breitenfeldt weist auf das Gutachten von Professor Peter Kirchhoff hin, der sich mit der Leistungsfähigkeit der einzelnen B2-Knoten auseinandergesetzt habe. Er fordert Verbesserungen an der Planung: „Wir brauchen die Tektur jetzt, damit es bezahlbar bleibt“, endet der Brief, der dem Blog vorliegt.

FDP-Orts- und Kreisverband benannten diese Woche wie berichtet ebenfalls Forderungen nach Verbesserungen in Sachen Sicherheit im Tunnel und zum Verzicht auf den in ihren Augen unnötigen Abluftkamin am Schlossgarten. In dem Zusammenhang sagte die Kreisvorsitzende und Landtagskandidatin der Liberalen, Britta Hundesrügge: „Es ist völlig in Ordnung, wenn Bürgerinitiativen zeigen, wir sind gegen das Projekt. Die Minister Scheuer und Aigner sollen ruhig sehen, dass der Tunnel in Starnberg weiter umstritten ist. Die Darstellung, man habe die Bevölkerung von dem Projekt überzeugt – das ist nicht so. Es gibt immer noch eine breite Mehrheit, die nicht dafür ist.“ Eher Resignation herrschte dagegen bei der Bürgerliste (BLS), die sich zur Verhinderung des Tunnelbaus vor Jahrzehnten unter Walter Jann gegründet hatte, in der Jahreshauptversammlung am Dienstag dieser Woche aber eher keine Aussichten mehr ausmachte, dieses Ziel zu erreichen. Vielmehr will man jetzt mit Hochdruck daran arbeiten, zusätzlich eine Umfahrung von Starnberg auf der von Jann erfundenen ortsfernen Trasse zu erreichen. „Wir konnten leider den Tunnel nicht abwenden“, bedauerte BLS-Vorstand Franz Heidinger in der Versammlung im Gasthof „Au“. Zudem werde die von ihm als Feuerwehrreferent geforderte „sicherheitstechnische Variante“ nicht mehr weiter verfolgt: „Das Konzept ist nicht das, was wir uns für den abwehrenden Brandschutz vorgestellt haben. Da muss die Stadt vielleicht mehrere Millionen Euro pro Jahr selbst berappen.“ Damit spielte er auf die mögliche Notwendigkeit an, eine Berufsfeuerwehr aufzustellen, die bei der Stadt angestellt wäre und andere Möglichkeiten hätte, im Brandfall im Tunnel zu helfen, als der Freiwilligen Feuerwehr zur Verfügung stehen. Heidinger kritisierte, dass die Notausstiege aus der Tunnelröhre über 40 Meter Höhenunterschied an die Oberfläche reine Selbstrettungsstollen seien und nicht aufgerüstet werden sollen: „Wie der Einzelne aus dem Bereich hinter der Brandschutztür wegkommt, ist ihm selbst überlassen.“ Für die Rettungsdienste gebe es keine Aufstellflächen im Bereich der Notausstiege. Heidinger sprach von einem „nicht durchdachten Bauwerk“. Das Staatliche Bauamt Weilheim gehe davon aus, dass die Freiwillige Feuerwehr nur über die Tunnelportale zum Einsatz anrücke. Schon das führe dazu, dass die gesetzlich vorgeschriebene Frist, innerhalb der Hilfe vor Ort sein müsse, nicht einzuhalten sei. „Ich werde beim Spatenstich nicht anwesend sein, weil ich das für verantwortungslos halte“, sagte Heidinger. Dagegen meinte BLS-Fraktionssprecher Michael Mignoli: „Wir können den Tunnel nur noch bei dem Thema Sicherheit begleiten.“ Er plädiere dafür, sich im Stadtrat anderen für Starnberg wichtigen Dingen zuzuwenden. Ein weiterer Bericht über die Jahreshauptversammlung der BLS folgt. Andere politische Gruppierungen habe weder Veranstaltungen zum Tunnel-Spatenstich abgehalten noch angekündigt.

Ungeachtet all dessen betreibt das Staatliche Bauamt Weilheim Werbung für das Tunnelprojekt. Die Kampagne läuft unter dem Motto „Hallo Tunnel“. Nach dem Spatenstich und den Grußworten der Minister, des Landrates und vielleicht von DPF-Stadtrat Klaus Rieskamp soll es morgen Nachmittag einen Imbiss auf dem Gelände des Landratsamtes geben, angeblich auch Gummibärchen in Form von Autos. Und ein Modell der noch zu bauenden Tunnelbohrmaschine, die in Starnberg zum Einsatz kommen soll, wird ausgestellt. Notiz am Rande: Das seit Wochen an der Ortseinfahrt von der Autobahn kommend aufgestellte großformatige Schild mit der Ankündigung der Baumaßnahme „Entlastungstunnel Starnberg bis 2026 – wir bauen für Sie“ ist verändert worden. Jetzt ist  auf der überklebten Fläche ganz oben zu lesen“Neubau Tunnel Starnberg“.