Dass nicht alle Starnberg glücklich sind, weil der B2-Tunnel gebaut wird, haben rund 400 Demonstranten heute Nachmittag überaus deutlich gemacht. Sie begleiteten den feierlichen Spatenstich, zu dem Bundesverkehrsministerium und das Bayerische Staatsministerium für Verkehr auf das Gelände des Landratsamtes geladen hatten, mit einem ohrenbetäubenden Trillerpfeifen-Konzert, unterstützt von Tröten und Ratschen und zogen einen mal mehr mal weniger engen Kreis um den Veranstaltungspavillon. Die Festredner waren nur in ihrem nahen Umfeld gut zu verstehen. Lediglich als Bürgermeisterin Eva John entgegen früherer Ankündigung nun doch ans Rednerpult trat, herschte kurzzeitig Ruhe. Dafür riefen hier Teile der deutlich in der Unterzahl befindlichen Tunnelbefürworter „Aufhören“ dazwischen. Mit der Stille wieder vorbei war es sofort, als Vizebürgermeister Klaus Rieskamp sein schon angekündigtes Grußwort hielt – „im Namen des Stadtrates“, wie er betonte. In Sprechchören verlangten Demonstranten nun „Hau ab!“. Die Aufnahmen vom eigentlichen Spatenstich, die am Abend bereits in der Rundschau des Bayerischen Fernsehens gezeigt worden sind, zeigen Beides: Begeisterte Vertreter von Bund, Land, Kreis und Rieskamp, die mit ihren Schaufeln Sand in die Luft werfen – dahinter die Demonstranten, die rund 100 Schilder in die Kameras hielten und Lärm machten. Zu lesen waren da unter anderem „Wir fordern das Bürgerbegehren“, „Tunnelbau=Starnberg-Zerstörung“, „Unsinn planen kann passieren, Unsinn bauen darf nicht passieren“ und „Acht Jahre Stau in Starnberg – Nein Danke“.

Mit Kreide hatten die Organisatoren gestern noch überall in der Stadt auf den Wegen den Aufruf geschrieben, sich an der geplanten „Anti-Tunnel-Demo“ zu beteiligen. Organisator Markus Mooser, WPS-Stadtrat, ist mit der Resonanz sehr zufrieden. Bevor sich der Zug am Treffpunkt Bürgerpark auf den Weg machte, motivierte er die mitmachenden Bürger noch einmal: „Das ist ein ganz wichtiges Zeichen, das Sie als Bürger hier für Starnberg setzen.“ Bürgerwillen zu zeigen bedeute Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. Er forderte aber auch deutlich: „Keine Gewalt gegen Sachen und Personen.“ Man wolle nur Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer und seiner bayerischen Amtskollegin einen Denkzettel mitgeben. Mooser  sagte, der Spatenstich sei nur Symbolik, ein Schauspiel. Denn wenn die gleichen Bauwerkspläne heute nochmals genehmigt werden sollten, würden sie durchfallen. Nach der Demo zeigte sich Mooser gegenüber dem Blog zufrieden mit dem Verlauf. Er lobte ausdrücklich die Polizei, die sich fair verhalten und den Teilnehmern ihr Demonstrationsrecht gesichert habe. In der nächsten Abendschau-Sendung des Bayerischen Fernsehens soll es angeblich einen Beitrag über den Verlauf des Spatenstichs geben.

Viel Prominenz hatte den Weg nach Starnberg gefunden, neben Scheuer, der wegen dem üblichen Starnberger Stau eine viertel Stunde zu spät kam, und Aigner war auch Alexander Dobrindt, der jetzige Landesgruppenchef der CSU im Bundestag, gekommen. Er hatte 2017 in seiner Eigenschaft als damaliger Bundesverkehrsminister die Baufreigabe für den Tunnel erteilt, nachdem sich am 20. Februar 2017 eine Mehrheit im Stadtrat für den Beschluss ausgesprochen hatte „B2-Tunnel bauen – ortsferne Umfahrung planen“. Die CSU-Landtagsabgeordnete Ute Eiling-Hütig war genauso da wie ihre Vorgängerin Professor  Ursula Maennle und auch Michael Kiesling, der für den Starnberg beinhaltenden Wahlkreis die CSU im Bundestag vertritt. Gesehen wurden auch etliche heutige und frühere Stadträte, Altbürgermeister Ferdinand Pfaffinger, Bürgermeister aus anderen Gemeinden des Landkreises und Vertreter des Landratamtes, allen voran Landrat Karl Roth, sowie Vertreter der Regierung von Oberbayern. Mitglieder des vom ehemaligen UWG-Stadtrat Jürgen Busse gegründeten Pro-Tunnel- Vereins „Umweltbewusste Verkehrsentlastung Starnberg“ hatten vier Transparente mitgebracht. Bei Ihnen war unter anderem zu lesen: „Schluss mit dem Umfahrungsmärchen“ oder „Tunnelbau für Mensch, Natur und gegen Stau“. Dobrindt drückte gegenüber der Presse seine Hoffnung für Starnberg aus, „dass wir die Verkehrsentlastung bis 2026 schaffen“. Die Proteste nahm er gelassen, so etwas sei heute üblich. Er fordere die Bürger auf, die „demokratische Entscheidung“ für den Tunnel zu akzeptieren. Das forderten auch die anderen Redner außer John, die eher Verständnis erbat dafür, dass es auch Enttäuschung und Ängste vor dem Tunnelprojekt gebe. Dafür erntete sie Buh-Rufe der Tunnelbefürworter.

Sichtlich verärgert reagierte Uwe Fritsch, der Chef des Staatlichen Bauamtes Weilheim, auf die Störung des Spatenstichs: „Wir werden uns den freudigen Anlass nicht vermiesen lassen. Wir sind tolerant.“ Er erinnerte an die Höhen und Tiefen der 30jährigen Planungsgeschichte für den B2-Tunnel, begrüßte die Ehrengäste und kündigte den Einsatz der noch zu bauenden Tunnelbohrmaschine, die er im Modell präsentierte, ab 2021 an. Als „Gutes Zeichen der Versöhnung“ wertete er, dass sich Starnbergs Bürgermeisterin doch noch kurzfristig zu einem Grußwort bereit erklärt habe. Weil das Projekt Tunnel nicht unumstritten sei, mahnte Fritsch die Medien: „Um so wichtiger sind umfassende Berichte.“ Verärgert auch Scheuer: „Es ist nicht alltäglich in einen Ort zu kommen, der unter einer so starkten Verkehrsbelastung leidet, hierher 200 Millionen Euro mitzubringen und dann auch noch ausgepfiffen zu werden.“ Er akzeptiere zwar, dass sich die Stimmung auf beiden Seiten hochgeschaukelt habe, doch nun müsse man es „mal gut sein lassen“. Die 200 Millionen seien gut investiertes Geld. Die Starnberger bekämen dafür sauberere Luft und mehr Lebensqualität. „Würden wir jetzt eine andere Planung durchsetzen wollen, hätten wir ganz andere Probleme.“ Damit spielte Scheuer auf die Forderung der Tunnelgegner an, statt dieser Röhre eine Umfahrung zu bauen. Sein Appell an die Stadtverwaltung: „Wir hoffen, dass Sie uns besser helfen. Es sollte wieder ein besseres Miteinander einziehen.“ Aigner betonte, dass mit dem Projekt die Infrastruktur gestärkt werde. Man erhöhe die Verkehrssicherheit, entlaste die Innenstadt und deren Menschen. „Ich habe selten so eine Initiative gegen einen Tunnel erlebt“, wunderte sie sich. Andere Kommunen freuten sich über so etwas. Auch sie äußerte die Bitte, in einen konstruktiven Dialog einzusteigen. Gemeinsames Ziel sei doch, dass am Schluss alle Gewinner seien. Roth erinnerte daran,  dass Unternehmer  und Bürger des Landkreises an erster Stelle eine bessere Erreichbarkeit wünschten. Er warb um Verständnis für die fünf Stadträte, die entgegen ihren Wahlaussagen von 2015 dann doch für den Tunnel gestimmt hatten: „Es muss einem Stadtrat doch zugestanden werden, nach Fakten seine Meinung zu ändern. Das ist sogar anerkennenswert.“ Den hochgehaltenen Schildern der Demonstranten zufolge, sehen die das anders. Sie nannten die Namen der Fünf, schrieben deren erhaltene Wähler-Stimmen auf und hatten dazu gesetzt: „So viele Stimmen bei der Tunnelfrage verraten.“ Der Tunnel sei derzeit die „einzig realistische Lösung“, auch wenn er nicht alle Probleme löse, sagte der Landrat. Sein Vorschlag für eine Verwendung für den Aushub beim Bau der Röhre: „Möge der dazu beitragen, die Gräben zwischen den Starnbergern zuzuschütten.“ Seine rhetorische Frage gleich hinterher: „Aber ob der ausreicht?“

„Es gibt nicht nur die Menschen, die ich hier glücklich sehe, sondern auch die, die hadern, deren Haus abgerissen wird, die glauben, der Tunnel werde eine Barriere sein oder Angst um dem Einzelhandel oder ihre Heimatstadt haben. Sie fühlen sich von der Politik übergangen und verraten“, begann Eva John.  Hier gab es Buh-Rufe. Trotzdem erinnerte sie daran: „Das sind alles Bürger dieser Stadt.“ Die Starnberger Verwaltung sei sich ihrer Verantwortung bewusst, so die Bürgermeisterin, aber sie hoffe, dass „der Staat uns nicht im Regen stehen lässt“. Die Verantwortung gelte für alle. Sie persönlich hätte sich gewünscht, dass der Tunnel nicht kommt, gab John zu und erntete „Aufhören“-Rufe der Tunnelbefürworter. „Verständnis und die Herzen wären Ihnen zugeflogen, wenn sie die Bürger hätten entscheiden lassen“, sagte sie an die Adresse der Stadträte, die den Bürgerentscheid „Kein Tunnel in Starnberg“ für unzulässig erklärt hatten. John bat um Begegnung „mit Anstand und Respekt“ und wünschte „den vielen Baustellen einen unfallfreien Verlauf“. Ihr Stellvertreter Rieskamp genoss den aufbrandenden Beifall der Tunnelbefürworter als er ans Rednerpult trat sichtlich, doch sofort setzte wieder das ohrenbetäubende Pfeifen der Gegner ein. Er ließ sich davon nicht beirren. „Das Gewerbe ist angewiesen auf unverstauten Verkehrsraum“, sagte Rieskamp. Die Starnberger hätten überall nach Lösungen gesucht, seien aber an FFH- und Landschaftsschutz gescheitert. Für sich und seine vier Ratskollegen brach er eine Lanze: „Man kann sich auch einigen, wenn man nachgibt.“ Starnberg brauche diesen Tunnel. Der Stadtratsbeschluss dafür  sei verbindlich und müsse positiv begleitet werden, weil auch das Teil des Beschlusses gewesen sei. Die Bevölkerung müsse zusammenstehen.

Fritsch beendete den Redenteil des Spatenstichs fast mit Bedauern: „Wir gewöhnen uns langsam an das Gepfeife. Dass wir das durchgestanden haben zeigt auch den Willen das Projekt durchzuziehen.“ Er bat die Ehrengäste an die Spaten.