Die Bürgerliste (BLS) hat sich in eine schwierige Situation hinein manövriert. Oder man kann sagen, sie ist von den Stadträten, die ihr den Rücken gekehrt haben und von einem Rat (Johannes Bötsch), der eine andere Haltung an den Tag legt als BLS-Vorsitzender Franz Heidinger sowie Fraktionsspercher Michael Mignoli, in diese Situation gebracht worden. Es gibt keine einheitliche Linie mehr. Das zeigte auch das Verhalten beim Spatenstich für den B2-Tunnel. Heidinger blieb ihm fern, Mignoli nahm allein an der Demonstration der  Tunnelgegnern teil, allerdings ohne Trillerpfeife und ohne ein Plakat hochzuhalten (siehe “Festtag” oder “schwarzer Tag”? und Spatenstich – ausgepfiffen).

Auch nach dem Austritt von Angelika Wahmke und Klaus Rieskamp, die zu UWG und DPF und damit nun auch sichtbar in das Lager der Tunnelbefürworter gewechselt sind, hält sich laut stellvertretendem BLS-Vorsitzenden Axel Wahmke die Mitgliederanzahl relativ konstant. Nur sieben der ursprünglich 57 BLS-Mitglieder hätten der Gruppierung den Rücken gekehrt. Dass darunter auch ein Schwergewicht wie Gründungsmitglied Adolf Herrmann gewesen ist, sagte er nicht. Aber Wahmke ließ durchblicken, dass die 50 Mitglieder, die noch übrig seien – womit die BLS nicht die kleinste Gruppierung in Starnberg sei – sich durchaus in „aktive und nicht so aktive“ Mitstreiter gliedere. Der Wahlkampf 2020 wird zeigen, ob es den Verantwortlichen gelingt, für einen dann wie auch immer gearteten Kurs genügend Aushängeschilder für die BLS zu rekrutieren. Bei der aktuellen Jahreshauptversammlung waren inklusive Vorstand nur neun Mitglieder anwesend.

Heidinger ging in seinem Rückblick auf 2017 auf die augenblicklichen Probleme ein: Durch die Wechsel von Wahmke und Rieskamp stehe die BLS nun öfter in der Mitte zwischen den beiden Stadtratslagern, die einerseits aus den Tunnelbefürwortern CSU, UWG, Grünen, SPD, DPF und Bötsch, andererseits aus der Bürgermeisterin, BMS, WPS und FDP bestehen, welche wie Heidinger und Mignoli statt des Tunnels eine Umfahrung für Starnberg realisieren wollten. So fehle der BLS oft die Unterstützung von beiden Seiten.  Aber : „Wir sind auf einem guten Weg.“, so Heidinger. Wie berichtet hatten die  Tunnelbefürworter am 20. Februar 2017 dank der fünf das Lager wechselnden Räte die Mehrheit und setzten den Beschluss „B2-Tunnel bauen – ortsferne Umfahrung planen“ durch. Spürbarer Ausfluss war der Spatenstich am 20. Juli 2018 und sind die in dieser Woche beginnenden ersten Arbeiten an der nördlichen Zulaufstrecke zum Tunnel. Mignoli beschrieb die Lage wie folgt: „Durch den Wechsel von Wahmke und Rieskamp sind wir in der Fraktion jetzt drei relativ Einige.“ Man wolle sich nicht auf ein Lager festlegen lassen und je nach Thema mal mit dem einen, mal mit dem anderen Lager abstimmen. Mignoli bat eindringlich, die Fünf Wechsler nicht mehr als „Umfaller“ zu bezeichnen. „Wir können nichts mehr ändern und müssen schauen, dass wir andere Themen nicht vernachlässigen.“ Als Beispiel nannte er die Erweiterung des Gewerbegebietes Schorn, die Seeanbindung, das Einheimischenmodell Am Wiesengrund und das Verkehrswesen allgemein. „Es gibt wahnsinnig viel zu tun in Starnberg. Das muss man breiter fächern und sich nicht nur auf das Thema Tunnel beschränken“, so der Fraktionssprecher. Heidinger rechtfertigte seine Zusammenarbeit mal mit dem einen, mal mit dem anderen Lager vor allem mit angeblichen Problemen, die man mit der Rathausverwaltung in Sachen Feuerwehr habe. Deshalb müsse man auch mit denen Koalitionen schließen, „die in Sachen Umfahrung nicht mit der BLS auf einer Linie liegen. Wir müssen uns Mehrheiten suchen.“ Heidinger fand es zwar grundsätzlich gut, dass der Stadtrat inzwischen ein Büro zur Findung einer Trasse für die ortsferne Umfahrung beauftragt habe, kritisierte jedoch, dass man dafür nicht den Auftrag an das Büro gegeben habe, dass für BLS-Gründer Walter Jann vor vielen Jahren die ortsferne Umfahrung entworfen hatte. Jann, der kurz bei der Versammlung vorbei schaute, betonte, ihm gehe es nicht darum, welches Büro mit der Umfahrungstrasse beauftragt worden sei, sondern ihm gehe es darum, dass es mit der Umfahrung voran gehe.

Der Vorsitzende berichtete, seine Fraktion habe einen Antrag angekündigt, in Söcking ein Gewerbe-Mischgebiet für Kleingewerbe zu schaffen. „Die BLS ist schon am Bürger dran“, verwies Heidinger auf das offene Ohr gegenüber Initiativen gegen den Bau neuer Mobilfunkmasten in Söcking. „Wir setzen uns für jeden ein, wenn wir helfen können.“ Die BLS wolle mehr Mitglieder aktivieren, den Internetauftritt verbessern und die Jugend erreichen. Mit Blick auf die Kommunalwahl 2020 wolle man für Starnberg etwas bewegen. „Wir bleiben an der Umfahrung dran und schauen, dass der Tunnel nicht zu teuer für die Stadt Starnberg wird. Denn der bindet Geld, was man für andere Projekte braucht“, schloss Heidinger seinen Ausblick. Einstimmig wurde der Fahrlehrer Thomas Schubert in Abwesenheit zum neuen Schriftführer der BLS gewählt. Er war bei der letzten Kommunalwahl wie Heidinger, Mignoli und Bötsch bei der BMS angetreten und dann zur BLS gewechselt. Mignoli sagte in der Versammlung: „Wir können aus dem BMS-Lager noch weiteren Zulauf erwarten.“ Namen nannte er nicht.

Bötsch kritisierte, das nun aktraktivere neue Seebad sei fertig, ohne dass es ausreichend Parkplätze gebe. Er schrieb es seiner „federführenden“ Initiative zugute, dass das Gespräch zwischen der Stadt Starnberg und den Investoren in Sachen Schorn nach eineinhalb Jahren des Eingeschlafenseins wieder aufgenommen worden sei. An dem Workshop habe er aktuell teilgenommen, wo man gerade versuche, erste Pflöcke einzuschlagen, wie das Gebiet sinnvoll zu entwickeln sei, sowohl ökonomisch als auch ökologisch. Der schon genehmigte Halbanschluss an die Autobahn sei nicht das Optimalste, aber eine gute Richtung. Das Thema Wohnraum sieht Bötsch nicht so vordringlich: „Pendler aus München oder Fürstenfeldbruck werden wohl nicht nach Starnberg umziehen wollen, weil das Leben an ihrem bisherigen Wohnort billiger ist.“ Bötsch appellierte an die Starnberger in ihrer Stadt einzukaufen, um die schwierige Situation des Einzelhandels zu verbessern.