Mehr als 200 Starnberger haben am heutigen Samstagmittag  die Fertigstellung der Westumfahrung gefeiert. Mit Kind und Kegel, auf Inlineskates, Rollern oder mit Fahrrädern nahmen sie die neue Straße zur Entlastung der Kreisstadt in Augenschein und genossen es, dies ungestört vom Autoverkehr tun zu können. Denn die Inbetriebnahme ist erst am Montag, 3. Dezember 2018 vorgesehen. Dann wird das Staatliche Bauamt Weilheim die insgesamt 5,9 Kilometer lange Staatsstraßenverbindung zwischen dem Kreisverkehr „Waldkreuzung“ und dem wie berichtet schon fertiggestellten Kreisverkehr im Westen von Söcking für den Verkehr freigeben. Zur Begrüßung und  Unterhaltung der Gäste spielte auf einem im Tunnel unter der Grünbrücke aufgebauten Podest die Starnberger Stadtkapelle einige Märsche und auch die Bayernhymne. Eine Abordnung des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) demonstrierte mit ihren Rädern und einem großformatigen Transparent dagegen, dass die neue Straße ohne begleitenden Radweg gebaut worden ist, und obendrein bisherige Wegeverbindungen gekappt wurden. Auf dem Transparent war zu lesen: „Autofahren wird immer schneller – Wo bleibt der Rad- und Fußverkehr“. Von den Starnberger Stadträten waren nur wenige vertreten. SPD und BLS blieben geschlossen fern. Die Nachbargemeinde Pöcking war von deren stellvertretender Bürgermeisterin Ameli Ehrhard repräsentiert, weil Rathauschef Rainer Schnitzler die Grippe erwischt hatte. Die Bürgerinitiative „Pro Umfahrung – Contra Amtstunnel“ (BI) verteilte 300 Nadelbaumsetzlinge zur Erinnerung „an diesen so denkwürdigen Tag“.

Zum Bürgerfest herzlich begrüßt wurden die Besucher von Sarah Buckel, im Rathaus für Standortförderung, Kultur und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Sie bedankte sich besonders bei denen, die mitgeholfen hatten, dass das Fest gelingt: der TSV Perchting-Hadorf, der städtische Betriebshof sowie die MitarbeiterInnen ihrer Abteilung im Rathaus. Bürgermeisterin Eva John freute sich in Ihrer Eröffnungsrede über den „so schönen Herbsttag“. Petrus habe es gut mit ihnen gemeint, sagte sie. Die Starnberger hätten einen guten Grund zum Feiern, denn die Westumfahrung sei in diesem Jahr nun schon das zweite Großprojekt, das 2015 gestartet und nun fertig gestellt sei – das Seebad und und nun die neue Umfahrungsstraße, die eine ganz große Bauleistung, Investition und ein „wirklicher Meilenstein für die Entlastung der Stadt und ihrer Ortsteile vom Verkehr ist“. Gern hätte man die Vertreter des Staatlichen Bauamtes Weilheim und die verantwortlichen Politiker der Freistaates begrüßt, aber der Leiter der Weilheimer Behörde, Uwe Fritsch, habe die Teilnahme für alle abgesagt. „Das hat uns überraschend getroffen“, so John, denn Fritsch sei als Redner eingeplant gewesen. Wer ihn hören wolle, könne dies am Montag. (Anm. d.Red.: Die Veranstaltung des Staatlichen Bauamtes Weilheim findet am Montag, 3. Dezember 2018 um 11 Uhr an der Verbindungsstraße Hadorf-Waldkreuzung statt. Bürger dürfen auch ohne persönliche Einladung kommen. Die Anfahrt ist nur über Perchting – Hadorf möglich. Parkplätze sind vorhanden.) Abgesagt hatten für das Bürgerfest laut John auch mehrere Stadträte, Altbürgermeister Ferdinand Pfaffinger und Landrat Karl Roth.

Die Bürgermeisterin lobte die ganz tolle Bauleistung der Baufirmen Hubert Schmid sowie Strommer und die Projektleitung der Vertreter des Staatlichen Bauamts Weilheim. Sie hätten termin- und kostengerecht gearbeitet. Besonderen Dank richtete sie an ihre Mitarbeiterin im Rathaus, Kathrin Spielbauer, die rund um die Geburt ihrer Zwillinge trotzdem Unglaubliches geleistet habe, sowie stellvertretend für die anderen Mitarbeiter der Stadt an Stadtbaumeister Stephan Weinl. Die Westumfahrung schaffe bessere Verbindungen – zwischen den Autobahnen A95 und A96, zwischen München und dem Oberland sowie zwischen Gilching und Pöcking. „Bis jetzt mussten alle über Starnberg oder die dazwischenliegenden Dörfer fahren, jetzt geht’s kürzer, geht’s schneller und vor allem nicht mehr durch die Dörfer. Hadorf, Perchting, Maising, Aschering, die Bürgerinnen und Bürger von Söcking, sie alle können aufatmen“, hob John hervor. Als „Mann der ersten Stunde“, der ihr schon in der Zeit als sie noch Kreiskämmerin im Landratsamt gewesen sei, bei jedem Treffen nachdrücklich nahe gelegt habe: „Evi, da müsst’s wirklich was machen“, begrüßte sie Helmut Wagner, der im Volksmund auch „heimlicher Bürgermeister von Hadorf“ genannt wird. Der habe schon früh und politisch aktiv nach Entlastungsmöglichkeit gesucht. Die Geschichte bis zum Baubeginn der Westumfahrung wollte John nicht noch einmal erzählen. Nur so viel: Eine Stadtratsmehrheit habe sich entschieden, die Straße in kommunaler Sonderbaulast zu bauen und vorzufinanzieren, als – nach der Entscheidung, dass der Landkreis die Westumfahrung nicht baut –  bekannt geworden war, dass ein Neubau allein in Verantwortung des Freistaates wegen dessen damals knappen Haushaltsmitteln bis nach 2025 verschoben worden wäre. Das sei jetzt aber alles Geschichte.

Die Bürgermeisterin bedankte sich noch einmal bei den 40 Grundeigentümern, die bereit gewesen waren, etwas von ihrem Grund für die neue Straße zu verkaufen, besonders bei dem Einen, der seine schon eingelegte Klage gegen das Projekt zurückgenommen habe. „Das war das wirklich grüne Licht. Sie alle sind Mütter und Väter der Westumfahrung, nicht die zwei Männer in dunklen Mänteln“. Damit spielte John auf einen Pressetermin diese Woche an, zu dem Altbürgermeister Ferdinand Pfaffinger und Altlandrat Heinrich Frey an die Westumfahrung geladen hatten, um – wie in den lokalen Zeitungen zu lesen war – darauf hinzuweisen, dass sie es waren, die das Projekt aufs Gleis gesetzt hätten. „Lokales-aus-Starnberg“ war übrigens von Pfaffinger und Frey nicht eingeladen worden. Dank sprach die Bürgermeisterin auch den beiden Perchtingern Josef Bartl und Martin Zerhoch aus, die den 53 Tonnen wiegenden, bei den Bauarbeiten gefundenen Findling auf einen Ehrenplatz am südlichen Ende der Grünbrücke verfrachtet hatten. Das Setzlingsgeschenk der BI, der John ebenso wie früheren Stadtratsmitgliedern für die Unterstützung des Projektes dankte, mache darauf aufmerksam, dass man trotz der Bauarbeiten, die von Menschen für Menschen durchgeführt wurden, sorgsam und verantwortungsbewusst mit der Natur umgehen müsse, was bei der Westumfahrung gelungen sei und bei der in Planung befindlichen Nord-Ost-Umfahrung zwischen Waldkreuzung und A95 noch gelingen müsse. Doch trotzdem sei dem Freistaat etwas passiert, was in heutiger Zeit eigentlich gar nicht mehr passieren dürfe: „Uralte Wegebeziehungen wurden durch die Verlegung der Straße und die Errichtung eines riesigen Walls zerschnitten, die Wegeverbindungen nicht ersetzt.“ An dieser Stelle übergab John das Mikrofon an den Kreisrat der Grünen und Kreisvorsitzenden des ADFC, Anton Maier, der ankündigte: „Wir wollen dem Freistaat ein Radverkehrskonzept abtrotzen.“ Nicht nur in Mamhofen, sondern auch in der Stadt Starnberg brauche man sichere Überquerungsmöglichkeiten, von denen heute noch viele fehlten. In der Stadt gehe man zudem auf die Riesenbaustelle B2-Tunnel zu, die viele Erschwernisse für das ADFC-Klientel mit sich bringen werde. „Deshalb ist ein Planergänzungsverfahren zum Planfeststellungsbeschluss Tunnel unbedingt notwendig, damit der Radverkehr an der Oberfläche geführt werden kann“, so Maier. John begrüßte unter den Gästen auch Oliver Jauch von der Starnberger Polizei, der neuer Chef für Verkehrsangelegenheiten ist: „Auch Sie werden in die Interessen der Radfahrer mit eingebunden.“

Anlässlich der Eröffnungsfeier waren im Vorfeld zwei City-Roller für Kinder verlost worden, die die Bürgermeisterin an jeweils zwei Geschwisterpaare übergab. Das richtige Werkzeug für den von den Organisatoren aufgebauten Geschicklichkeitsparcours. Sie sagte, es müsse gemeinsames Ziel aller sein, bessere Verbindungen zu schaffen. „Zweieinhalb Jahre nach dem offiziellen Spatenstich kann heute die Eröffnung gefeiert werden.“ Die Stadt habe 13 Millionen Euro investiert, damit die Westumfahrung viel früher habe gebaut werden können, als es dem Freistaat möglich gewesen wäre. „80 Prozent werden als staatliche Förderung wieder an die Stadt zurückfließen“, informierte John. Die Eigenleistung der Stadt in Höhe von knapp drei Millionen Euro sei „wahrlich gut eingesetztes Kapital“. Sie gratulierte den besonders durch die letzten Baumaßnahmen belasteten Bürger an der Hanfelderstraße und halb Söckings: „Die Folgen der halbjährigen Sperrung der Verbindungsstraße Waldkreuzung – Hadorf und deren Folgen sind nun passé.“ Wie berichtet, hatte das Staatliche Bauamt diese Sperrung verfügt, weil der Bau des Bypasses an der Waldkreuzung in Richtung Hadorf vom Bauherren Landkreis nicht so früh genug gestartet wurde, dass er zeitgleich mit der Westumfahrung fertig hätte werden können. John freute sich, dass Starnberg nun die Herrschaft, sprich Straßenbaulast, für die Söckinger- und Hanfelder Straße zurückübertragen bekomme und versprach: Wir werden mit diesen verantwortlich umgehen. Zu spüren solle das bereits am Montag sein, wenn das von Landratsamt in Richtung Ortsanfang versetzte Ortsschild an der Straße Söcking-Perchting auf seinen alten Platz am Beginn der Bebauung zurückversetzt und Tempo 50 bis dorthin wieder eingeführt werde. Fahrrad-Schutzstreifen auf der Hanfelder Straße sollten folgen ebenso wie mehr Querungen für Fußgänger und Tempobegrenzungen vor Schulen und Kindergärten sowie der Ausbau von Bushaltestellen. „Wir werden die Veränderungen sehr zügig und strukturiert angehen“, sagte sie und forderte die Bürger auf, die dafür notwendigen Baumaßnahmen ruhig konstruktiv kritisch zu begleiten, aber dann zu helfen, Starnberg wieder zu einer menschenfreundlichen Stadt zu machen, bei der alle Bürger und Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt berücksichtigt werden.

Nach der Segnung der neuen Westumfahrung durch die Pfarrer der katholischen und evangelischen Kirche, Andreas Jall und Stefan Koch, die göttlichen Beistand erbaten, dass die Straße Menschen miteinander verbindet, und die Nutzer vor Unfall und Gefahr bewahrt bleiben, damit sie sicher an ihr Ziel kommen, durchschnitt John zusammen mit ihnen und Starnberger Kindern das dicke rote Band südlich der Grünbrücke. „Banddurchschneiden ist eine alte Tradition  und bedeutet Neubeginn. Die Westumfahrung wird als Tor zur Straßenwelt um Starnberg herum eröffnet“, sagte sie vieldeutig und wünschte allen eine unfallfreie und sichere Fahrt.

Auf den offiziellen Teil folgte der lockere Teil der Veranstaltung. Bei Vertretern des TSV Perchting-Hadorf war der Vorrat an Fleisch und Bratwürsten in Semmeln sowie Punsch und Glühwein bald aus.

Geschichte am Rande: Die BI hatte die beabsichtigte Verteilung der Baumsetzlinge im Rathaus schon im Vorfeld angekündigt und eine Genehmigung dafür erhalten. An die Stadtratsfraktionen erging gleichzeitig mit der Information darüber von Seiten des Rathauses die Anregung, sich auch mit Aktionen an dem Bürgerfest zur Einweihung der Westumfahrung zu beteiligen. Folge waren aber nur geharnischte E-Mails von Stadträten, die beklagten, die Neutralität sei nicht gewahrt. Stefan Frey (CSU) überlegte, ob er rechtliche Schritte einleite. Martina Neubauer (Grüne) forderte das Rathaus auf, die Genehmigung zurückzunehmen. Frey war beim Bürgerfest anwesend, Neubauer nicht.