Nachdem gestern Abend Dirk Schneider von „Phoenix Fire“, einem Zusammenschluss von Experten der Rettungswissenschaften, im Stadtrat sein Gutachten zur Notwendigkeit des Einbaus von Feuerwehraufzügen und einer Brandbekämpfungsanlage im geplanten B2-Tunnel vorgestellt hat, hier zunächst wie versprochen die ausführlichen Informationen zum Abschlussbericht des Leiters der Entwicklung an der „International Fire Academy“ (IFA) aus der Schweiz, Christian Brauner. Diesen hatte Brauner Anfang Dezember 2018 im Stadtrat vorgetragen (siehe B2-Tunnel braucht Nachrüstung). Die Ausstattung des geplanten B2-Tunnels in Sachen vorbeugender Brandschutz und durch das Bauwerk steigende Anforderungen an die Freiwillige Feuerwehr waren dann gestern Abend Thema im Stadtrat. Dabei bekräftigte Schneider sein schon bekanntes Fazit: Sowohl die Feuerwehraufzüge als auch eine wie auch immer geartete Brandlöschanlage seien „zwingend erforderlich“.

Warum, das machte er in seiner Präsentation deutlich, über die Sie morgen an dieser Stelle lesen können. Schneider sieht an der bisherigen sicherheitstechnischen Grundkonzeption des Starnberger Tunnels „deutliche Mängel“, ist aber der Überzeugung, dass diese sich durch Nachrüstungen „auf ein annehmbares Maß mildern“ ließen. Vorgenommen werden müssten die Nachbesserungen im Rahmen der bisher noch nicht erstellten Ausführungsplanung für das Tunnelbauwerk. Der Stadtrat machte sich die Forderung nach den Aufzügen und der Löschanlage zu eigen. Einstimmig sprach sich das Gremium dafür aus, das Staatliche Bauamt Weilheim darum zu bitten, die Nachrüstforderungen der Stadt beim Bauherrn des Tunnels, dem Bund, vorzutragen und ihn darüber hinaus zu bitten, die notwendigen Kosten der Zusatzeinrichtungen zu übernehmen.  Nicht unterstützte er die Forderung der WPS, auch noch eine Mittelwand in den Tunnel einzubauen. Das hatte das Staatliche Bauamt wie berichtet auch bereits abgelehnt, weil dadurch ein neues Planfeststellungsverfahren nötig würde.

Noch vor Beginn der Stadtratssitzung war beim Blog eine Pressemitteilung des Staatlichen Bauamtes Weilheim eingegangen, deren Wortlaut Sie morgen ebenfalls hier lesen können. Wichtigste Aussagen: Das Gutachten Schneider zeige keine grundlegend neuen Sachverhalte auf. Die sicherheitstechnischen Forderungen von Schneider seien nach Einschätzung des Bauamtes insgesamt zusätzliche Forderungen, „die über dasjenige Maß weit hinausgehen, welches die gültigen Richtlinien (RABT) fordern“. Dass der Starnberger Tunnel gemäß den anerkannten Regeln der Technik gebaut werde, garantiere ein hohes Sicherheitsniveau. Weilheim werde im Mai 2019 gegenüber dem Bund eine Empfehlung aussprechen, ob und in welchem Umfang Wünsche der BOS-Dienste (Behörden mit Organisation- und Sicherheitsaufgaben) beim Bau des Tunnels in Starnberg umgesetzt werden.

Hier nun zuerst die Informationen zum IFA-Gutachten:

Die IFA ist eine öffentlich-rechtliche Feuerwehrschule für das Spezialgebiet unterirdischer Verkehrsanlagen. Sie hat bisher mehr als 12000 Feuerwehrkräfte aus ganz Europa, Asien und USA ausgebildet. Christian Brauner ist selbst seit 1974 aktiv im Feuerwehrdienst tätig und hat die schweizer Tunnel-Einsatzlehre mitentwickelt. Im Auftrag der Stadt Starnberg hat die IFA den Bedarf an Kräften, an Qualifikation und Ausbildung sowie an Einsatzmitteln unter die Lupe genommen. Betrachtet wurde dazu der Fall eines Fahrzeugbrandes im Tunnel. Größte Gefahr ist laut Brauner der entstehende Rauch, der giftige Gase enthalte und im Gegensatz zu Brandfällen in Gebäuden sich im Tunnel schneller ausbreite, als die Tunnelnutzer sich von der Quelle fortbewegen können. Für die Feuerwehr bedeute dies, dass sie nichts sehe. Es gelte deshalb, den Brand schnell zu löschen, damit auch die Rauchentwicklung stoppe. Damit die Feuerwehr zum Brandherd gelangen könne, bedürfe es ausreichend breiter Fahrbahnen, die die Bildung einer Rettungsgasse ermöglichten. Grundsätzlich sei ein Brandherd im Tunnel nur von der Anströmseite der Frischluft aus gut zugänglich. Ein wesentlicher Faktor sei die Eindringtiefe auf der verrauchten Abströmseite, also der Weg vom noch gesicherten Bereich bis zu dem, in dem die Feuerwehr Leben retten soll. Da beginne die kritische Tiefe bei 250 Meter, ab 650 Meter werde es für die Einsätzkräfte dagegen tödlich. Die höchste Anzahl an Einsatzkräften benötige es im Zeitraum der höchsten Brandintensität. Hier spielten dann aber auch die Einsatzbedingungen eine große Rolle.

Deutlich sagte Brauner, Einsätze in unterirdischen Verkehrsanlagen seien nicht Gegenstand der Regelausbildung der Feuerwehren, weshalb auch für die Kräfte in Starnberg eine spezielle Ausbildung zwingend erforderlich werde. Teil dieser Spezialausbildung müsse die Kenntnis des Systems Tunnel, also eine „hochgradige“ Kenntnis der B2-Tunnel-Anlage sein. Eine Brandunterdrückungsanlage (auch Brandlöschanlage), wie sie Grasl für den Starnberger Tunnel gefordert hat, sorge dafür, dass die Feuerwehr im Brandfall etwas mehr Zeit gewinne. Den Brand selbst löschten solche Anlagen in der Regel nicht. Während Atemschutzträger der Feuerwehr für oberirdische Einsätze normalerweise mit einer Sauerstoffflasche auf dem Rücken ausgestattet sind, benötigten sie im Tunnel zwei Flaschen (18 Kiligramm Gewicht), um die maximale Eindringtiefe von 298 Meter (maximaler Abstand zwischen den Notausstiegen) leisten zu können. Die Zufahrt der Feuerwehrfahrzeuge zum Brandherd kann durch im Tunnel wendende Fahrzeuge oder Stau beeinträchtigt sein, weshalb ein Angriff auf das Feuer von vier Seiten in Starnberg möglich sein muss. Also von den beiden Portalen und über die Notausstiege. Brauner verweist auf die sehr hohe körperliche Belastung der Einsatzkräfte wegen der Höhe der Fluchttreppenhäuser in Starnberg und empfiehlt eine bauwerksseitige Optimierung durch Aufzüge, die Anlage von Materialdepots im Fluchttürenbereich sowie technische Hilfsmittel zur Entlastung der Einsatzkräfte, zum Beispiel rollbare Krankentragen.

Für die Basis-Kostellation „Brandeinsatz im Starnberger Tunnel“ (einfacher Pkw-Brand) hält er 60 Feuerwehrangehörige für nötig, davon sollten 48 unter Atemschutz eingesetzt werden und alle die „Stoßtrupp-Taktik“ nach dem Prinzip der Berufsfeuerwehr München beherrschen. Das bedeutet, dass je Tunnelabschnitt Trupps gebildet werden, die jeweils spezielle Aufgaben des Einsatzes zu erledigen haben. Deutliche Ansage von Brauner: Weniger Einsatzkräfte bedeuten geringere Chancen auf einen Einsatzerfolg und ein deutlich höheres Riskiko für die Einsatzkräfte. In der nötigen Zusatzausbildung müsse es auch um Möglichkeiten der verbesserten Eigensicherung gehen, zum Beispiel dass der Feuerwehrangehörige mit dem Ellbogen an der Tunnelwand entlang laufe, um im verrauchten Tunnel nicht die Orientierung zu verlieren, oder dass er Blindentaststöcke benutze, um Hindernisse vor ihm rechtzeitig zu bemerken. Bauseits müsse dafür gesorgt sein, dass zufallende Fluchtüren nicht die Wasserzufuhr in den Löschschläuchen abschnüren. Zur Ausstattung gehören sollten zudem Wärmebildkameras, zum Ausbildungsstandard das Erlernen systematischer Suchtaktiken, damit Insassen in Fahrzeugen, die sich nicht mehr selbst helfen können, aufgefunden, schonend und richtig geborgen werden können. Dazu sind auch Kenntnisse der richtigen Transporttechnik nötig. Genauso aber Kenntnisse, welche Personen- oder Sachschäden am Einsatzort vorkommen können oder welche Einrichtungen im Fall des Falles nicht mehr im Betrieb sind. Nur gut vorbereitet sei es den Einsatzkräften möglich, mit Zuversicht in solche Schadenssituationen hineinzugehen, schloss Brauner.