Für erstaunte Gesichter haben im Projektausschuss des Stadtrates die Zahlen gesorgt, die Jörn Janssen vom Ingenieurbüro SHP und der Vertreter von Vössing Ingenieure ihnen präsentierten. Sie hatten vom Rat den Auftrag die Ergebnisse einer umfangreichen neuen Verkehrszählung in das schon vorhandene Verkehrsmodell Starnberg einzuarbeiten und dann zu prüfen, welche vom STAgenda-Arbeitskreis Verkehr gemachten Vorschläge zur Verkehrsberuhigung der Innenstadt (Lebendiges Starnberg, siehe “Lebendiges Starnberg” ist das Ziel) vor oder nach der Realisierung des B2-Tunnels empfohlen werden können. Janssens Prognose für 2035: „Sie haben dann auch mit dem Tunnel noch satte Belastungen am Tutzinger-Hof-Platz und auf der Hauptstraße. Im Tunnel werden 22700 Fahrzeuge pro Tag fahren. Damit ist der Tunnel rappelvoll. Da geht nichts mehr rein. Er ist eigentlich schon voller, als eigentlich erlaubt ist.“ Wie berichtet hat das Staatliche Bauamt Weilheim bisher stets mit 18000 Fahrzeugen im zweispurigen Tunnel gerechnet. Für die Stadt geht es nun um die Frage, ob sie das so einfach akzeptieren will, oder eigene Maßnahmen ergreift, um die Innenstadt vom Verkehr zu entlasten. Der Ausschuss beauftragte die Verwaltung, mit dem Staatlichen Bauamt nun nochmals bestimmte Veränderungen im geplanten oder vorhandenen Straßennetz zu untersuchen, damit der Stadtrat im Dezember Entscheidungen treffen kann. Die Ausschussmitglieder sahen sich noch nicht in der Lage, Empfehlungen auszusprechen.

Für die Wünsche der STAgenda sieht es, zumindest was die Zahl der Fahrspuren im Verlauf der Münchner und Hauptstraße angeht, im Moment nicht gut aus. Deren ehrenamtliche Mitstreiter hatten vorgeschlagen, an dem Knoten von Münchner-/Leutstettener Straße statt der von der Weilheimer Behörde vorgesehenen sieben Fahrspuren ( zwei im Tunnel, zwei oberirdisch je Fahrtrichtung und eine Abbiegespur von der Münchner in die innere Leutstettener Straße) dort nur noch vier vorzusehen und in der Folge auch Richtung Tutzinger-Hof-Platz so zu planen. Angesichts der von Janssen präsentierten Zahlen ist das nach Ansicht der Fachleute nicht möglich, denn hier fahren neben den 22700 Fahrzeugen im Tunnel (12700 Richtung Weilheim, 10000 Richtung München) an der Oberfläche immer noch 13700 Richtung Stadt und 14400 stadtauswärts. Am Südportal des Tunnels sind die Fahrzeugzahlen an der Oberfläche wesentlich geringer. Hier hat sich das Staatliche Bauamt noch nicht dazu geäußert, wie es den Knoten B2/Waldspielplatz letztendlich organisieren will. Er gilt im Fall des Baus nach dem gültigen Planfeststellungsbeschluss als voraussichtlich überlastet. Für das nördliche Tunnelportal und sein Umfeld warb Janssen um Verständnis für das Bauamt, das nicht auf  oberirdische Spuren verzichten könne, weil sonst die Leistungsfähigkeit der B2 nicht mehr gewährleistet sei. „Auch bei einer Tunnelsperrung muss es oben rum noch funktionieren“, sagte Janssen. Dennoch sei es die Frage, „ob die Stadt Starnberg diese monumentale Situation von Straße zulassen will, inklusive der erwarteten Verkehrsmenge.“ Es gebe auch einen anderen Ansatz als nur über die Leistungsfähigkeit des Straßensystems nachzudenken, nämlich die Durchfahrten für den Verkehr so unattraktiv zu machen, dass er sich andere Wege sucht, oder den Bewohnern andere Verkehrsträger schmackhaft zu machen.

Vor diesem Hintergrund erhielt die Verwaltung vom Ausschuss einstimmig den Auftrag, Weilheim die unten beschriebenen eventuellen Maßnahmen untersuchen zu lassen. Über sie muss schnell geurteilt werden, weil das Staatliche Bauamt nur noch kurze Zeit warten kann und will, bis es die Planung der Portale festzurrt. So geht es um die Einrichtung eines Einbahnstraßensystems, das vor allem die innere Leutstettener Straße und die Wittelsbacherstraße berührt. Die Wittelsbacherstraße sollte vom Tutzinger-Hof-Platz bis zur Ludwigstraße nur noch Richtung See befahrbar sein, die innere Leutstettener Straße ab der Josef-Jägerhuber-Straße nur noch Richtung Norden, also zur B2. Käme das so, könnte zumindest die Linksabbiegespur auf der Nordseite des nördlichen Tunnelportals entfallen. Die dort bisher vorgesehenen Ampelschaltungen bis hin zur Kreuzung Haupt-/Söckinger Straße sind zu prüfen. Letzteres ist schon deshalb nötig, weil die STAgenda eine zweite gravierende Änderung vorgeschlagen hat, nämlich die Umkehr der Einbahnrichtungen am Seufzerberg (Bahnhofstraße) und in der Dinard Straße. Eine Maßnahme, die in Starnberg schon Jahrzehnte diskutiert wird. Um dem Wunsch der Stadt auf Verkehrsentlastung Rechnung zu tragen, soll auch nochmals untersucht werden, was passiert, wenn es zwischen dem Nord- und dem Südportal doch nur eine Fahrspur in jede Richtung gäbe, die  Gesamtfahrbahnbreite auf 6,50 Meter beschränkt würde.

Der Vertreter von Vössing Ingenieure hatte auch andere Vorschläge der STAgenda untersucht, so zum Beispiel die Sperrung der Verbindung von der Possenhofener Straße Richtung Bahnhofsplatz am Rondell vor dem Bayerischen Hof, damit der Bahnhofsplatz vom Verkehr entlastet wird. Der Experte riet davon ab, weil sich sonst nach der Eröffnung des Tunnels Nachteile für den Ziel- und Quellverkehr von Süden ergäben. Bleibe die Verbindung offen, werde sich heute in der Innenstadt fahrender Verkehr „von allein“ auf die Hauptstraße verlagern, und die Stadt bleibe von Süden her besser erreichbar. Er zeigte auf, dass sich die Reisezeiten der Autofahrer deutlich verlängern, teilweise verdoppeln, wenn sie gezwungen werden, von und zur Waldkreuzung sowie von und nach Söcking über die neue Westumfahrung zu fahren. Tempobeschränkungen auf der Strecke zwischen den Tunnelportalen führten zur Rückverlagerung von Verkehr in die Innenstadt. Nicht empfehlen wollte er auch den Vorschlag, die äußere Leutstettener Straße nur noch Richtung Gautinger Straße, und diese nur noch Richtung B2/Münchner Straße als Einbahnsystem zu führen. Sein Trost dennoch: „Die STAgenda hat viele sinnvolle Einzelmaßnahmen vorgeschlagen.“ Alles sollte aber immer mit Blick auf die gesamte Innenstadt durchgeplant werden. Es seien strategische Entscheidungen der Stadt, was sie umsetzen wolle. Mache man die Straßen ganz unattraktiv, bedeute das aber Staus  und längere Zeiten mit Belastung durch Berufsverkehr.

Die Sprecherin des STAgenda Arbeitskreises  Verkehr, Irmgard Franken, sah als positives Ergebnis, dass sich bei Einführung von Einbahnstraßen eine Fahrspur am nördlichen Tunnelportal reduzieren lasse. Auch gebe es Signale, dass man die Innenstadt mit Gestaltungselementen „teilverändern“ könne. „Ich knabber aber daran, dass die Situation unter dem Blickwinkel der heutigen Autobelastung beurteilt wird“, sagte sie mit Blick auf den zuvor vom Ausschuss behandelten Tagesordnungspunkt. In diesem war es um vielfältige Möglichkeiten gegangen, die der Verkehrsentwicklungsplan aufzeigt, wie durch attraktivere Bedingungen für Fußgänger, Radfahrer und ÖPNV-Nutzer der Umstieg vom Auto auf andere Verkehrsträger begünstigt werden könnte, es also auf längere Sicht zur Verkehrsreduzierung käme. Helmut Rauscher vom Arbeitskreis sah das Grundgerüst, Verkehrsentlastung schon vor der Eröffnung des Tunnels in Angriff zu nehmen bestätigt. Für ihn sei es nicht so wichtig, auf welchem Weg Autofahrer wie viele Minuten eingesparen können. Nicht akzeptieren sollte die Stadt seiner Ansicht nach, dass am Tutzinger-Hof-Platz weiter vier Fahrspuren bleiben. Helm Andreas Heigl fragte: „Wer garantiert uns, dass später, wenn es zu Staus im Tunnel gekommen ist, nicht doch wieder alle Autofahrer an der Oberflächen fahren wollen?“ Deshalb müsse der vorhandene Verkehrsraum schon jetzt neu verteilt werden, um dem vorzubeugen.

Bürgermeisterin Eva John forderte die Ausschussmitglieder auf, eine Haltung zu entwickeln, die man Weilheim mitteilen könne. Dazu sahen sich diese aber nicht in der Lage. Franz Heidinger (BLS) ist das, was in Zukunft möglich ist, noch viel zu unbekannt. Es sei besser die volle Anzahl der Fahrspuren zu bauen. Man könne sie bei Bedarf später zurückbauen. Christiane Falk (SPD) sprach von „schwierigen und weitreichenden Entscheidungen“. Sie könne dem Fraktionkollegen den gehörten Vortrag nicht erklären. John konnte nicht umhin, darauf hinzuweisen: „Es war ihr Wunsch, diesen Ausschuss einzurichten. Die Beratung kann auch ohne Empfehlung an den Stadtrat enden.“ Auch Winfried Wobbe (UWG) weigerte sich: „Heute nicht. Erst im Stadtrat am 9. Dezember.“ Stefan Frey (CSU) brachte den Vorschlag ein, bestimmte Maßnahmen vor der Ratssitzung im Dezember schon mit dem Staatlichen Bauamt Weilheim vorzubesprechen und das Ergebnis im Stadtrat vorzulegen. „Ich bin auf fachlichen Rat angewiesen“, begründete Frey das. Klaus Huber (WPS) erinnerte an das Umfahrungskonzept von Professor Peter Kirchhoff und seine Untersuchungen zur Leistungsfähigkeit der Knotenpunkte nördlich des Nordportals des Tunnels (siehe BI bereitet neues Bürgerbegehren vor).

Rauscher mahnte die Stadträte, das Bauamt in Weilheim habe schon immer gesagt, „die Stadt soll endlich sagen was sie will“. Franken warb dafür, dann wenigstens im Stadtrat im Dezember Entscheidungen zu treffen. Anton Summer (BMS) verstand das Zögern überhaupt nicht: „Wir müssen doch eigentlich nur zugreifen. Vorschläge sind genügend da.“ (Siehe auch Lebendiges Starnberg: Im Herbst geht’s weiter)