Derzeit ist die Klage über die angeblich so schlechte Situation des Einzelhandels in Starnberg groß. Da kommt ein neues Bauvorhaben für das Grundstück Wittelsbacherstraße 1 (Schuh Linse) gerade zur rechten Zeit, um den hiesigen Geschäftsleuten wieder Mut zu machen. Denn wenn die Pläne von Bauherr und Architekten gelingen, könnte sich vielleicht einiges zum Besseren wenden. Was allseits beklagt wird, ist der Mangel an einer Art Kaufhaus. Schuld daran ist die Tatsache, dass es in Starnberg fast nur kleinteilige Einzelhandelsflächen gibt, die für Anbieter eines umfangreicheren Warenangebots uninteressant sind. So richten sich jetzt die Hoffnungen darauf, dass im Neubau der Familie von Hans Linse ebenerdig eine attraktive Einzelhandelsfläche größeren Umfangs – etwa 500 Quadratmeter – entsteht, die helfen könnte, mehr Kaufkraft in der Kreisstadt zu binden und Synergien für andere Anbieter nach sich zöge. Ein neuer kleiner Platz  zwischen dem Seebahnhof und dem Kirchplatz sowie das geplante Wohn- und Geschäftshaus als architektonischer Hingucker sollen den Bereich attraktiver machen. Etwa neun Wohnungen sowie Flächen für Büros und Praxen ergänzten dann das bisherige Innenstadtangebot.

Ein erster Grobentwurf wurde diese Woche im Bauausschuss des Stadtrates vorgestellt. Um es vorweg zu nehmen, die Reaktionen waren ungewöhnlich positiv. Verantwortlich zeichnet das Büro „Goetz Castorph Architekten und Stadtplaner“ aus München. Marco Goetz wohnt selbst in Starnberg und hat sich in den letzten Jahren intensiv mit der Stadt, ihrer Architektur und Zukunft auseinander gesetzt – sei es mit dem denkmalgeschützten Seebahnhof oder den Ideen für eine Gleisverlegung mit Seeanbindung im Umfeld. Zu diesem Umfeld kann eigentlich auch noch das nun aktuelle Neubauvorhaben gezählt werden. Denn es liegt am südlichen Ende der Wittelsbacherstraße, dort wo sich vom Kirchplatz kommend eigentlich der Blick auf den See und die Berge auftun sollte, was aber immer noch Zukunftsmusik ist. Laut Goetz‘ Pressetext zum Projekt möchte der Bauherr mit dem Neubau ein klares Bekenntnis zur Zukunftsfähigkeit der Starnberger Innenstadt abgeben – „die im Moment durch Internet-Handel und Abwanderung einer schwierigen Herausforderung gegenübersteht“.

Der Neubau soll  sich gegliedert in drei aneinandergereihte Baukörper entlang der Wittelsbacherstraße entwickeln. Im Süden ein viergeschossiger Teil, der an die Straße heranrückt. Es folgt der demgegenüber wieder zurückgesetzte Mittelbau mit nur drei Geschossen, auf dem ganz oben eine Dachterrasse allen Hausbewohnern als begrünte Fläche mit Bäumen und Büschen zur Verfügung stehen wird, und in der gleichen Flucht nach Norden als Schlusspunkt ein fünfgeschossiges Gebäude. Die Teile bilden so einen Winkel, der den kleinen Platz umschließt, den Landschaftsarchitekten gestalten sollen. Der Zugang zum dahinter liegenden Otto-Michael-Knab-Weg könnte so großzügiger werden und die Fußgängerbeziehung zwischen Kirchplatz und See aufwerten. Die Höhenentwicklung sieht Goetz als Bindeglied zwischen dem alten Ortsteil Achheimviertel und den gegenüberliegenden Seearkaden sowie dem Sepp-Krätz-Haus, gleichzeitig auch in Richtung Kirchplatz. Der Architekt verspricht eine ruhig gegliederte Fassade mit mehrfarbigen Putzflächen. Im ersten Obergeschoss sind die Büros und Praxen vorgesehen, die Wohnungen darüber.

Stadtbaumeister Stephan Weinl wies in der Ausschusssitzung darauf hin, dass der gültige Bebauungsplan für das Vorhaben geändert werden muss, weil der Baukörper im Vergleich mit den jetzt noch gültigen Vorgaben etwas gedreht werden soll. Die Stadt will mit Linse einen städtebaulichen Vertrag schließen, für den die Stadträte einstimmig mehrere Vorgaben beschlossen haben. So  verlangen sie eine Festschreibung der von der Wittelsbacherstraße aus zugänglichen Einzelhandelsnutzung für das Erdgeschoss für einen Betrieb mit möglichst großer Verkaufsfläche, die barrierefreie Gestaltung der umliegenden privaten und öffentlichen  Freiflächen nach dem „Starnberger Standard“ , die Zustimmung dazu, dass auch private Flächen als Verkehrsflächen genutzt werden dürfen, Vereinbarungen zur eventuell nötigen Unterbauung von Gehwegbereichen mit der Tiefgarage und eine Ablöse für nicht herstellbare Stellplätze. Den Grobentwurf lehnte außer Gerd Weger (CSU) – er will kein 5. Geschoss – niemand ab. Das Stadtbauamt soll prüfen, ob für die Umgestaltung des öffentlichen Raumes staatliche Fördermittel zu bekommen sind. Bedenken äußerte Klaus Huber (WPS): Es müsse garantiert werden, dass die Tiefgarage auch wirklich trochen bleibe, verlangte er mit Blick auf die schwierigen Bodenverhältnisse in dieser Seenähe. Martina Neubauer (Grüne) bat intelligente Mobilität mit zu bedenken, und so zum Beispiel Car-Sharing-Modelle dort zu organisieren, damit weniger private Pkws zum Einsatz kommen. Zudem vermisste sie noch Abstellplätze für Fahrräder. Johannes Bötsch (BLS) bat, entgegen den Vorgaben die große Einzelhandelsfläche flexibel zu handhaben, damit notfalls auch kleine Geschäft dort einziehen könnten. Das wurde aber nicht aufgenommen. Iris Ziebart (FDP) war nicht glücklich mit der Unterbauung der Gewege, weil ihrer Meinung nach ohnehin schon zu viele Flächen versiegelt würden. Das sei nochmals zu überdenken, gab sie mit auf den Weg. Laut Bauverwaltung soll die Tiefgarage aber mit einer 70 Zentimeter dicken Humusschicht bedeckt werden, so dass dort noch sinnvoll etwas gepflanzt werden kann. Trotz ihrer Bedenken urteilte Ziebart: „Ein sehr gelungener und erfreulicher Entwurf. Wenn wir den so auf den Weg bringen können, können wir glücklich und zufrieden sein.“ Josef Pfister (BMS) gratulierte dem Bauherrn  und Planer: damit könne man gut weiter arbeiten. Angelika Kammerl (DPF) sprach sich für ein sechstes Geschoss aus, was jedoch keine Unterstützung erhielt.