Der Eingangsbereich der Josef-Jägerhuber-Straße soll in nicht allzu ferner Zukunft sein Gesicht ändern. Zumindest die Eigentümer der Hausnummern 2 und 4 haben Neubaupläne. In Hausnummer 4 waren verschiedene Discount-Märkte ansässig, jetzt ist es ein Fahrradgeschäft. Es war im 19. Jahrhundert der Ort der Schlosserwerkstatt Hoschka. Hausnummer 2 war vormals die alte Kergl-„Bachschmiede“ und gehört der Familie von UWG-Stadtrat Otto Gaßner. Die Neubaupläne für die Hausnummer 4 waren im Mai letzten Jahres Thema im Bauausschuss des Stadtrates (siehe Wünschenswerter Neubau), die für Hausnummer 2 in der jüngsten Sitzung des Gremiums. Die Stadtverwaltung wünscht sich, dass beide Eigentümer gemeinsam Pläne entwickeln, die sich dann mit Hilfe eines vorhabenbezogenen Bebauungsplanes umsetzen lassen. „Aufgrund der Zuschnitte der Grundstücke … sowie deren Lage am Tutzinger-Hof-Platz zwischen Josef-Jägerhuber-Straße und Georgenbach ist es deshalb angeraten, die städtebauliche Situation für beide Grundstücke zusammenhängend zu betrachten, um eine dem städtebaulichen Gesamtgefüge angemessene Lösung für eine Neubebauung zu finden“, heißt es in der Beschlussvorlage für den jüngsten Bauausschuss.

Anstelle des Fahrradgeschäfts ist ein Wohn- und Geschäftshaus mit Tiefgarage geplant. Im Erdgeschoss ist Gastronomie vorgesehen, mit einer Terrasse, die über den Bach hinausragt, in den Obergeschossen Büros und Wohnungen. Für das angedachte Bauvorhaben auf der Fläche der alten Schmiede hat der Eigentümer nun im Rahmen eines Antrags auf Vorbescheid Fragen an das Bauamt gestellt, die jedoch mangels genauer Angaben bisher nicht konkret beantwortet werden konnten. Fest steht bisher nur, dass es nicht zulässig sein wird, den gesamten Neubau gewerblich zu nutzen, weil im gültigen Bebauungsplan vorgegeben ist, dass 50 Prozent der Geschossfläche Wohnzwecken vorbehalten ist. Beide Neubauten sollen drei Vollgeschosse erhalten, was zulässig wäre. Keine Antworten gab der Ausschuss zur zulässigen bebaubaren Grundfläche und Geschossfläche, zur Anzahl der Stellplätze und zur Möglichkeit der Überbauung des Georgenbaches durch Balkone, weil der Antragsteller dazu bisher keine ausreichenden Angaben gemacht hatte.

Stadtbaumeister Stephan Weinl empfahl beiden Bauherren, gemeinsam eine Änderung des Bebauungsplans zu beantragen, denn so könnten sie Synergien nutzen. CSU-Stadtrat Gerd Weger wies darauf hin, dass eine Tiefgarage wegen des nahen Baches nur „sehr, sehr schwierig“ zu realisieren sei. Außerdem forderte er Skizzen, wie der Neubau am Ende wirklich ausschauen soll. „Nicht wieder wie bei der Deutschen Bank“, warnte er. Gemeint war damit der Neubau auf der Südseite des Georgenbaches, der die alte Villa – die unter den Namen Villa Grimm, Villa Leprieur oder Villa Klee firmiert hatte – ersetzte und nicht bei allen Starnbergern auf Zustimmung stößt.

Iris Ziebart (FDP) war es „ganz wichtig“, den kleinen Platz an der Ostseite des Tutzinger-Hof-Platzes genau zu betrachten. Von der großen Kreuzung aus gesehen komme heute zunächst ein kleiner erdgeschossiger Pavillon, dann erst das Kergl-Haus. Laut Antrag werde aber ein mindestens dreigeschossiges Haus bis an die vordere Kante gebaut. „Das, was heute eine ganz wichtige Ansicht ist, ist dann kein gefälliger Platz mehr“, so Ziebart. Es müsse also darauf geachtet werden, wie sich die Pläne darstellten. Das sei ein klassischer Fall für den schon lange beabsichtigten Gestaltungsbeirat für Starnberg. Diesen nun endlich ins Leben zu rufen vertagte der Bauausschuss jedoch noch in gleicher Sitzung auf die Zeit nach der Kommunalwahl. Ziebart verlangte, diesen Platz städtebaulich zu bearbeiten. „Was der hier eingereichte Plan zeigt ist ein Verhau, und den haben wir heute schon, den brauchen wir nicht nochmal“, warnte sie.

Ludwig Jägerhuber (CSU) hatte die Zeiten vor dem Bau der neuen Georgenbachbrücke (eröffnet 2016) samt schön gestaltetem Georgenbachweg im Kopf. Früher habe es dort stattdessen eine Reihe von Parkplätzen und Werbeflächen für Parteien gegeben. Heute sei der Bereich durch die Umgestaltung am Bach aufgewertet. Auch er fand es sinnvoll, den noch gültigen Bebauungsplan zu ändern, ergänzte aber, der Bereich müsse auch verkehrsmäßig betrachtet werden. Vorschläge der STAgenda dafür sind jedoch wie berichtet kürzlich wieder einmal auf die lange Bank geschoben worden (siehe Kammerl vertagt ‘Lebendiges Starnberg’). Auch Jägerhuber hält es für eine „Fehlentwicklung“, einen dreigeschossigen Bau „bis vorne hin“ zu ziehen. Schließlich gehe es hier „um ein Stück Ur-Starnberg“ mit der Schmiede Kergl. Hier müsse in irgendeiner Weise Qualität verwirklicht werden.

Bürgermeisterin Eva John unterstützte die Gedanken ihrer Vorredner und sagte, die Verwaltung dringe deshalb auf eine neue Bauleitplanung, die mit beiden Bauherren entwickelt wird. Josef Pfister (BMS) hatte Probleme mit den teils unkonkreten Fragen des Bauwerbers und den möglicherweise ungewollten Folgen für die Stadt. „Wir beurteilen bei jeder einzelnen Frage, ob wir das gemeindliche Einvernehmen erteilen können. Der rechtskundige Antragsteller weiß das“, beruhigte John. Gegen den Wortlaut der Antworten auf den Vorbescheidsantrag stimmte nur Angelika Wahmke (UWG). Einstimmig fiel der Beschluss, dem Antragsteller anheim zu stellen, in Abstimmung mit der Verwaltung eine Planung für das Grundstück unter Einbeziehung der Adressen Josef-Jägerhuber-Straße 2 und 4 zu entwickeln und die Durchführung einer Bebauungsplanänderung als vorhabenbezogener Bebauungsplan zu beantragen.

Günther Picker (WPS) stellte danach den Antrag, die Verwaltung möge eine Prüfung des Landesamtes für Denkmalschutz anregen, um festzustellen, ob es unter anderem unter dem Gesichtspunkt des Ensembleschutzes in Frage komme, das Kergl-Haus unter Denkmalschutz zu stellen. Ensembleschutz deshalb, weil das das Stadtbild prägende, aus dem 18. Jahrhundert stammende Haus gegenüber – die zum  „Bachschmiedgütl“ gehörende „Krämers-Gerechtigkeit“, später der  von Josef Jägerhuber 1903 erworbene „Altbäck“ – ebenfalls unter Denkmalschutz steht. Das Bachschmiedgütl ist dem Bau der Münchner Straße zum Opfer gefallen. Es steht nicht mehr. Der Altbäck rückte damit ganz hart an den Verkehrsbereich des Tutzinger-Hof-Platzes (Quelle: Starnberger Stadtgeschichte, Band 9/1, „Siedlungs- und Baugeschichte von Starnberg“ von Gerhard Schober, Kulturverlag Starnberg). Über das Ergebnis der Prüfung des Denkmalamtes sei dem Bauausschuss wieder zu berichten, forderte Picker. Mit 9:4 Stimmen wurde sein Antrag befürwortet. Die vier Gegenstimmen kamen von Angelika Kammerl (DPF), Christiane Falk (SPD) sowie Winfried Wobbe und Angelika Wahmke, beide von der UWG.

 

Ein Blick in die Historie:

Familie Gaßner gehören heute 21 Mehrfamilienhäuser und etwa 150 Mietwohnungen. So schreibt es Astrid Amelungse-Kurth in Band 7/2 der Starnberger Stadtgeschichte „In Starnberg daheim, in der Welt erfolgreich“. Erschienen ist dieser Band im Jahr 2011, dem Jahr, in dem der erfolgreiche Bauunternehmer Otto Gaßner II kurz nach dem Tod seiner Frau Wilma (Eltern des heutigen UWG-Stadtrates Otto Gaßner III) verstorben ist. Gaßner III hat danach in einem Interview mit einer Lokalzeitung gesagt, er habe drei Jahre benötigt, um den Nachlass samt erforderlicher Erklärungen gegenüber Behörden zu regeln. Angesammelt hatten den Immobilienbesitz seine Eltern und deren Vorfahren.

Urgroßvater Georg Gaßner  war Schreiner gewesen. Sein Sohn, Gaßner I (geboren 1879), gründete 1918 ein Baugeschäft, zuerst in der Söckinger Straße. Er hatte zuvor beim Bauunternehmer Fischhaber genug gelernt, um sich den nun eigenen Betrieb zuzutrauen. Nach seiner Rückkehr aus dem 1. Weltkrieg heiratete er Elisabeth, die Tochter des Vordermüllers Josef Grad, und verlegte seinen Betrieb zur Vordermühle, später in die Grad-Villa an der Kaiser-Wilhelm-Straße 13. Kaum ein bedeutendes Bauvorhaben in der Zeit bis zum 2. Weltkrieg, an dem Gaßners Baugeschäft nicht beteiligt gewesen ist. Ein wahrer Bauboom entwickelte sich in den Nachkriegsjahren, in denen nicht nur in Starnberg großer Wohnungsmangel herrschte, bevorzugt was preiswerte Mietwohnungen anging.  Gaßner I kaufte die Vordermühle, die zwischenzeitlich der Stadt gehört hatte zurück, und baute sie zu einem größeren Wohnhaus um. Zwischen 1946 und 1950 war er Bürgermeister der Stadt Starnberg.

Nach dem unerwarteten Tod von Gaßner I (19. August 1950) musste Gaßner II, der Abitur gemacht und studiert hatte, das Geschäft übernehmen. Er hatte nur zwei Tage zuvor die Tochter des Bachschmieds Lorenz Kergl, Wilma Kergl, geehelicht. Sie stammte aus der schon lange an der Josef-Jägerhuber-Straße  ansässigen Familie. 1801 hatte Johann Kaspar Kergl im Bachschmiedgütl Josef-Jägerhuber-Straße 1 eingeheiratet. Er begründete eine Dynastie. Für seine Schmiede baute sein Nachfahr 1863 gegenüber zwischen Straße und Bach die neue „Bachschmiede“, das jetzige Kergl-Haus (Josef-Jägerhuber-Straße 2), und begann 1874 dort zusätzlich mit Kohlen zu handeln. Später kam der Handel mit Heizöl dazu. Das Haus sollte bis zur Betriebsaufgabe Sitz des Betriebs des letzten Kergl – Lorenz  – bleiben. Kurzzeitig war Lorenz Kergl auch stellvertretender Bürgermeister von Starnberg (15. Dezember 1944 bis 2. Mai 1945) gewesen. Weil ihm ein männlicher Erbe fehlte, schloss er die Bachschmiede am 21. Mai 1960. Wilma Gaßner erbte das Anwesen.

Otto Gaßner II baute nicht nur für fremde Eigentümer, sondern auch „in Eigenregie“. „Damit bewies er die nötige Risikobereitschaft mit ausreichend unternehmerischem Spürsinn und wurde so der erste Investor Starnbergs, der durch Wohnraumbeschaffung Geld verdiente“, heißt es bei Astrid Amelungse Kurth im Firmenporträt der Reihe „Starnberger Stadtgeschichte“. Er errichtete 1959 auch das als „Gaßner-Hochhaus“ bekannte einzige Starnberger Hochhaus an der Münchner Straße. „Die Genehmigung kostete offenbar keine großen Kämpfe“ schreibt Paul Hoser, Autor von Band 10 „Politische Geschichte“.  (Quellen: Starnberger Stadtgeschichte, „In Starnberg daheim, in der Welt erfolgreich“, Band 7/2, „Siedlungs- und Baugeschichte von Starnberg“, Band 9/2,  „Politische Geschichte“,  Band 10/2 sowie „Heimatbuch Stadt Starnberg“)

Gaßner II war von 1952 bis 1966 für die CSU Mitglied im Stadtrat. Seine Frau Wilma tat es ihm zwischen 1972 und 1984 gleich. Zusätzlich hatte Gaßner II von 1952 bis 1956 und von 1972 bis 1990 ein Kreistagsmandat für die CSU inne. Ende der 1980er Jahre gab er das Baugeschäft auf, denn sein Sohn, Otto Gaßner III, wollte dort nicht einsteigen. Gaßner III hielt es lieber mit der Juristerei. Nachdem seiner Mutter nicht erneut für den Stadtrat kandidierte, ließ sich Gaßner III für die CSU aufstellen und bekleidete ab 1984 ein CSU-Mandat. Ab 1996 bis 2015 war er Stadtrat für die UWG.  Bei der letzten Kommunalwahl (2015) gewann  Gaßner III zunächst kein Mandat. Erst als Jürgen Busse (UWG) 2016 aus dem Stadtrat ausschied, rückte Gaßner III nach, gehört dem Gremium seitdem wieder an und kandidiert auch für die Zukunft. Private Bauvorhaben der Familie Gaßner sind in Abwicklung oder angekündigt. Rechtliche Auseinandersetzungen mit der Stadt Starnberg blieben dabei schon bisher nicht aus.