Da staunten Tunnelbefürworter  und -gegner nicht schlecht. In der Sondersitzung des Stadtrates teilten die Vertreter des Staatlichen Bauamtes Weilheim mit, dass sich die Kosten für das B2-Tunnel-Projekt jetzt neu auf 320,6 Millionen Euro belaufen. Das ist vier Mal mehr als zu Beginn der Planungen, aber auch noch lange nicht das Ende der Fahnenstange.

Ein kleiner Rückblick:

Unter Bürgermeister Ferdinand Pfaffinger waren 2003 im Rahmen von Runden Tischen alle Varianten für eine Verkehrslösung für Starnberg von Experten auf den Prüfstand gestellt worden. Nachdem man alle Fakten zusammengetragen hatte, entschied sich der damalige Stadtrat mehrheitlich dafür, der Realisierung des Tunnels den Vorzug vor anderen Lösungen zu geben. Die Kosten waren damals mit netto 86,25 Millionen Euro angegeben, inklusive 15 Prozent für Nebenkosten. Für die Neubewertung der Projekte, die in den aktuellen Bundesverkehrswegeplan 2030 aufgenommen wurden, legten die Bundesbehörden im Jahr 2016 einen Barwert der Baukosten in Höhe von 130,18 Millionen Euro zugrunde. Bis Ende 2016 stand der Starnberger Tunnel mit 162 Millionen Euro im jährlichen Bundeshaushalt, ab 2017 mit 199 Millionen Euro. Jetzt also 320 Millionen, wohlgemerkt sind darin die Planungskosten – gewöhnlich rechnet man mit 20 Prozent der Projektkosten –  noch nicht enthalten. Das wären noch einmal 64 Millionen Euro, womit wir bei 384 Millionen Euro landen, somit bald das Fünffache der ursprünglichen Kostenangabe.

Und der Aufwand zur Realisierung wird weiter steigen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Vor kurzem hat das Weilheimer Bauamt bestätigt, dass der Fertigstellungstermin, der noch auf den Bauschildern an den Einfahrten zur Stadt Starnberg mit 2026 angegeben ist, nicht gehalten werden kann. Wie berichtet war im vergangenen Jahr ein Planänderungsverfahren nötig, weil sich mit der ursprünglichen Baugenehmigung (Planfeststellung aus 2007) nicht alle inzwischen aufgetretenen Probleme und zum Teil neue technische Anforderungen lösen ließen. Wann die Planänderungen Rechtskraft erhalten ist offen, denn selbst wenn die Regierung von Oberbayern zum Jahresende alle dazu eingegangenen Einwendungen abgewogen und wo nötig und möglich berücksichtigt hat, können von diesen Änderungen Betroffene noch Klagen einlegen. Juristische Verfahren sind bekanntlich zeitlich nie einzuschätzen. Voraussetzung für den Baubeginn des Tunnels ist außerdem, dass der neu in die Planung aufgenommene groß dimensionierte Düker – eine Überführung des Grundwassers über die quer zum Grundwasserstrom liegende Tunnelröhre – am Almeidaweg fertiggestellt und technisch abgenommen ist. Wann mit dessen Bau begonnen wird, ist noch offen. Schon allein wegen dieser Verzögerungen für die Fertigstellung des B2-Tunnels werden also weiter Baukostensteigerungen stattfinden. Zwei weitere Projekte, die noch vor dem Baubeginn abgeschlossen sein müssen: Die Ertüchtigung der Würmbrücke am Ende des Autobahnastes A952 und die Aufweitung der Bahnbrücke über die B2 neben dem Gaßner-Hochhaus. Die Erfahrung mit großen Bauprojekten hat gezeigt, dass sich der Teufel im Detail oft erst herausstellt, wenn begonnen wurde. Um- und Ergänzungsplanungen kosten wiederum Geld. Und noch sind die Projekte gar nicht öffentlich ausgeschrieben worden, so dass ausführende Firmen auch noch nicht mit spitzem Bleistift selbst gerechnet haben. Bei der BMS-Stadtratsfraktion ist man sich sicher, dass die 400 Millionen auf jeden Fall geknackt werden.

Es soll Leute geben, die der Meinung sind, das braucht uns Starnberger nicht aufregen, denn das zahlt ja alles der Bund. Der bezahlt es allerdings von unser aller Steuern. Das heißt, jeder ist irgendwie beteiligt. Was die Stadträte eigentlich mit Sorgen erfüllen sollte – es bei der Mehrheit aber ganz offensichtlich nicht tut –  ist der Anteil der Baukosten, der die Stadt treffen wird. Im Jahr 2018 wurden die Beträge, die aufgrund der gesetzlich fixierten Kreuzungsvereinbarungen (Schnittstellen zwischen B2 und Ortsstraßen) zu zahlen sind, mit 4,1 Millionen Euro angegeben. Diese Preise steigen ebenfalls bis zur Fertigstellung. Für die Tunnelportale, sichtbaren Betriebsgebäude, oberirdische Teile der Notausstiege aus dem Tunnel  und den am Schlossgarten geplanten Entlüftungskamin ist ein Architektenwettbewerb in Auftrag gegeben worden. Das Staatliche Bauamt hat zugesichert, dass die Stadt Starnberg auswählen darf, was umgesetzt wird. Wenn der Stadtrat also etwas Schöneres will als die Normalausstattung, die der Bund überall in Deutschland bezahlt – wer wird wohl die Mehrkosten tragen? Was den Bereich südlich des Tunnels angeht, sind Anschlüsse von Seitenstraßen wie Heimstättenweg, Am Waldspielplatz/Mozartstraße und Oberer Seeweg zwar in der Ursprungsbaugenehmigung geregelt, inzwischen ist den Stadträten jedoch klar geworden, dass es ihnen wichtiger sein sollte, wie die eigenen Bürger in Zukunft aus ihren Wohngebieten ausfahren können, statt dass sie ohne Gegenrede akzeptieren was Bund und Staatliches Bauamt als Priorität vorgeben – nämlich dass der Verkehr auf der B2 so unbehindert wie möglich fließen muss. Klarer Hinweis der Bauamtsvertreter in der jüngsten Sondersitzung: Ein Umbau sei später auch noch möglich. Drei Mal darf geraten werden, wer dann zahlt, wenn es am Heimstättenweg erst später einen Kreisverkehr und Am Waldspielplatz doch die von Weilheim abgelehnte Ampelanlage geben muss? Da war das Bauamt immer schon ganz klar: Sonderwünsche zahlt die Stadt. Sie wird auch zumindest zum Teil die notwendige Mehrausstattung der örtlichen Feuerwehr tragen müssen, damit diese zu Notfällen im künftigen Tunnel ausrücken darf und kann.

Wer hätte in letzter Zeit nicht immer wieder in der örtlichen Presse das Lamento der Stadträte und aus dem Rathaus vernommen, dass jetzt nach der Corona-Krise die Einnahmen geschrumpft sind und sämtliche Ausgaben auf den Prüfstand müssen. Sogar das bisher stets als Vorzeigeobjekt präsentierte Gymnasium will man nun an den Landkreis abgeben. Wenn es aber  um den Tunnel geht, kommt den Vertretern von CSU, UWG, SPD, Grünen und FDP kein klagendes Wort über die Lippen, egal wie sehr die Kosten steigen. Im Gegenteil, es wird alles schön geredet. Man darf gespannt sein, ob es beim Bund dabei bleibt, dass er jegliche Baukostensteigerungen beim B2-Tunnel, wie jetzt wieder geschehen, einfach so genehmigt. Denn auch der Bund hat Haushaltsprobleme wegen Corona. Die noch amtierende Bundesregierung hat zwar einen Regierungsentwurf für den Haushalt 2022 vorgelegt, es ist aber ziemlich sicher, dass die neue Regierung nach der Wahl im September diesen Entwurf nochmals überarbeiten wird. Das Bundesverkehrsministerium muss bereits nach dem vorliegenden Entwurf mit 1,4 Prozent weniger Einnahmen und 13 Prozent weniger Ausgaben zurecht kommen.